Eins der Konzerte, die in diesem Herbst bei mir ganz oben vermerkt waren, waren definitiv die Street Dogs aus Boston. Der Europatour-Start in Berlin ließ dann auch keine Fragen oder Wünsche offen, zumal man von den vorherigen Touren ja eh nix an den Live-Qualitäten zu kritisieren hatte. Im Vorfeld waren aber mal wieder Vorwürfe zu hören, die Amis seien zu patriotisch in ihren Texten und zu sympathisantisch mit der US-Armee. Alles Bullshit, aber reden wir erstmal über die Musik…
Die All-girl-Band Civet verpassten wir leider knallhart, sie schienen aber eine ordentliche Show abgeliefert zu haben und konnten zudem am Merch mit interessanten Tshirt-Designs punkten.
Wer im Falle der Street Dogs sein Konzert mit einem Hit wie ‚Not without a purpose’ und mit einem dermaßenen Elan eröffnen kann, der kann dann bereits mit den ersten Akkorden schon viele Fans in seinem Moshpit begrüßen. So drückte der Berliner Mob mit einem Schwung Richtung Bühne, die Fäuste wurden bereitwillig gereckt, die Stimmbänder waren ordentlich geölt. Die zahlreichen Dropkick Murphys-Shirts verrieten, dass die Leute wussten, was sie hier erwartet, und das wurde lauthals gefeiert. Es folgten ‚2 angry kids’ und ‚Mean fist’ vom aktuellen Album, und man fragte sich, warum der Jetlag bei diesen Amerikanern keine Wirkung zeigte. Stattdessen schwamm sich Sänger Mike McColgan schon am Anfang auf den Händen des Publikums bis in die Raummitte warm und brachte als Souvenir spontan die Discokugel mit, die dann feierlich zerlegt wurde. Es folgte der euphorisch bejubelte Publikumsliebling ‚Tobe’s got a drinking problem’ und der steilgehende Moshpit wird nur noch vom agilen Frontmann übertroffen, der bis unter die Decke rumturnt und selbst einen Mike Wiebe (Riverboat Gamblers) wie einen Bewegungs-Lethargiker aussehen lässt.
Die Setlist lässt keine Wünsche offen, auch wenn es bei ‚Back to the world’ wie erwartet zu einem kleinen Eklat kommt: als McColgan über die US-Soldaten in Irak und Afghanistan schwadroniert und auch die dortige Bundeswehr in seine Rede einbinden will, meldet sich ein protestierender Gast aus dem Publikum zu Wort, der eben diesen Support von Krieg und Soldaten lauthals kritisiert. McColgan versucht die Einstellung so zu erklären, dass es ja um „Freedom“ gehe, um den Frieden jedes einzelnen, wie auch um den Frieden weltweit. Die Erklärung wirkt nicht sehr überzeugend, jedoch ist eines festzustellen: wenn Bands wie die Dropkick Murphys oder Street Dogs ihre Truppen verteidigen, dann aus dem Grund, dass dort viele ihrer Freunde und Verwandten dienen. Und diese wollen sie schnellstmöglich gesund zurück haben. Beide Bands sprechen sich klar gegen Kriege und für Völkerverständigung aus, stehen zudem für starke familiäre Bindungen. Der Vergleich mit der Bundeswehr war sehr ungünstig gewählt, da wir hier eine ganz andere „Kriegskultur“ und auch keine reine Berufsarmee haben. Im Gegensatz zu den USA lassen sich hier auch kaum Idioten verpflichten, die mit ein paar Jahren Krieg spielen ihr Studium oder ihr Haus bezahlen wollen. Von daher ist das alles etwas differenziert zu sehen…
Die Bostoner wirft das auch nicht großartig aus dem Konzept und so zelebrieren sie alle ihre großen und kleinen Hits bis zum furiosen Ende mit ‚Ode To The World’ und ‚Boston Breakout’ durch. Geile Band, geiles Konzert!
Steven Gläser