Quo vadis Dredg?, fragten wir uns im Vorfeld: Nicht nur, dass das Konzert vollmundig im NDR2 Nachmittagsprogramm angekündigt wurde, auch die Tickets und das Merch waren völlig überteuert. Ausgerechnet bei der Band, die früher immer als Low Level-Independent Gruppe gehandelt wurde.
Auf den unverschämt frühen Beginn werden die Bands wohl keinen Einfluss gehabt haben, wollten doch die Veranstalter der Großen Freiheit mit der anschließenden Disco gleich doppelt abkassieren. Daher stand das Trio JUDGEMENT DAY bereits um 19 Uhr auf den Brettern, um vor knappen 80 BesucherInnen im überdimensionierten Konzertsaal den Abend zu eröffnen. Mit ihrer Cello, Violinen, Schlagzeug-Besetzung und dem sehr eigenen Stil stießen sie dennoch auf dankbare Gegenliebe: Ihr instrumentaler Sound kam live äußerst brachial und heavy rüber, so dass auch die fehlende Interaktion mit dem Publikum zu verschmerzen war. Nach einer kurzweiligen halben Stunde verließ das Trio die Bühne, um später beim Auftritt von Dredg erneut ins Rampenlicht rücken.
Mittlerweile hatte sich die Freiheit etwas gefüllt, so dass die – ebenfalls eher unbekannten - THE PARLOR MOB bessere Startvoraussetzung hatten. In fünf engen Jeans gekleidet hätten alle Bandmitglieder auch für einen H&M Katalog modeln können, wäre da nicht der druckvolle Heavy Rock und vor allem die prägnante Heavy Metal Stimme des Sängers gewesen. Vielleicht lag es an gerade an „R.J. Dio junior“, dass sich das Eventpublikum leicht reserviert verhielt. Die Jungs gaben daher auch nur gezügelt Gas, um mit ihren „Black Sabbath meets Lynyrd Skynyrd meets Experimentellen Kram“ Sound für Aufruhr zu sorgen. Musikalisch waren sie dennoch nicht uninteressant: Nicht unbedingt passend zur Hauptband und ganz sicherlich aufregender ohne Mundharmonika und Soli-Parts, aber alleine die Livestimme vom Sänger hatte ihre lichten Momente.
Vielleicht lag es an den hohen Ticketpreisen, dass nur gutbetuchtere Menschen den Weg nach St. Pauli gefunden hatten. Jedenfalls war tendenziell eher die Elterngeneration vor Ort, um DREDG endlich wieder live zu erleben. Dabei war offensichtlich viel Eventpublikum zugegen, welches NDR2 und Mopo brav zur „neuen Rocksensation“ gefolgt war. Aber seitdem ich die Dredg Tour im Vorprogramm von 4Lyn (!) verpasst hatte, wollte ich die Band aus Los Gatos unbedingt einmal live erleben…
…und sollte trotz der Randerscheinungen nicht enttäuscht werden. Ohne Kindergesang begann die Gruppe mit ihrem Albumopener „Pariah“, um gleich in das – zu diesem Zeitpunkt überraschende - „Information“ einzusteigen. Die RadiohörerInnen waren also schon frühzeitig ausgeschaltet und der Konzertabend angerichtet. Denn auch wenn auf der Bühne keine energetische Fleißarbeit verrichtet wurde (abgesehen vom sehr druckvollen Schlagzeuger) und auch der Kontakt zum Publikum nur zögerlich zustande kam, waren DREDG musikalisch großartig: Unterstützt von den Streichern von JUDGEMENT DAY, von denen gerade das Cello die Stücke sehr bereicherte, schaffte es die Band eine enorme Sounddichte zu erzeugen, die tatsächlich an die Qualität ihrer Alben heranreichte (obwohl auf der Bühne anscheinend einige Probleme bestanden). Dazu: Die wirklich perfekte Stimme von Gavin, der alle Erwartungen erfüllte bzw. übertraf. Selten habe ich auf einem Konzert eine so starke Gesangsleistung erlebt wie bei Dredg, so dass auch seine etwas übelgelaunte Grundhaltung kompensiert werden konnte.
Zudem hatte sie sich die Band den Clou überlegt, ihre Alben blockweise abzufertigen. So wurden zunächst nur Stücke von „The Pariah, the Parrot, the Delusion“ berücksichtigt (u.a. das starke „Saviour“, „Gathering Pebbles“ mit einem intensiven, neuen Abschlusspart). Dabei kam das streitbare „Mourning This Morning“ sogar noch besser rüber als auf dem Album und konnte vom organischen Cello-Sound profitieren. Mit vielen tollen Interludes wie „Long Days and Vague Clues“, bei dem der Judgement Day Violinist erstmals richtig abging, kam beinahe das ganze Album zum Zuge, wobei ausgerechnet das tolle „Ireland“ fehlte.
„Ode To The Sun“ läutete den „Catch Without Arms“-Block ein, der laut vom Publikum bejubelt wurde. Auch wenn das Stück wie auch „The Tanbark Is Hot Lava“ sehr energetisch gespielt wurden, herrschte sowohl auf, als auch vor der Bühne weitestgehend Stillstand: Die BesucherInnen versanken im Klankosmos der Band und die Musiker waren auf ihre Instrumente konzentriert. So stand Gitarrist Mark meist wie versteinert vor seinem riesigen Effektgerät, um beständig zwischen Klangnuancen zu wechseln und diese neu zu justieren. Es folgten mit dem Titeltrack, „Jamais Vu“ und „Bug Eye“ gleich drei Gänsehautnummern hintereinander, von denen letzteres für den lautesten Jubel des Abends sorgte.
Dann endlich wurde der Kritikerliebling „El Cielo“ bedacht und mit„Same Old Road“ das Stück, mit dem wahrscheinlich die meisten Fans mit der Band in Berührung gekommen sind; danach „Sanzen“ (?) und mein persönlicher Glücksmoment „Eighteen People Live in Harmony“. Großartig! Leider ging die Band nicht noch einen Schritt weiter und spielte etwas vom unterschätzen „Leitmotif“.
Und weil Dredg keine Zugaben spielen und dennoch den ZuschauerInnen „das Gefühl eines Abschlusses“ geben müssen, fing Gavin unvermittelt an, das Schlagzeug abzubauen, bis nur noch das E-Piano neben Dinos Drumhocker stehenblieb. Auf eben diesem wurde das finale „Cartoon Showroom“ angespielt und so der blockartige Zuschnitt des Konzerts aufgegeben, welches bei allen Anwesenden einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben muss: Auch wenn die (Inter-)Aktion auf der Bühne sehr durchschnittlich gewesen sein mag, Gavin offensichtlich keinen guten tag erwischt hatte und ihr exakt 90-minütiges Konzert etwas kurz geraten ist, waren Dredg mit ihrer musikalischen Darbietung grandios.
Jan Laging
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