Über die bei einigen Fans zu Kultstatus gereifte Kapelle aus Chicago kann man ja wirklich streiten: mit jedem neuen Album wurden die Songs immer zahmer und poppiger, und auch wenn man sich bemühte, dem neusten Werk ‚This Addiction’ eine Rückkehr zu den rotzigen Wurzeln nachzusagen, so klingen die Stücke doch nicht wirklich danach. Was ich persönlich ja nicht schlimm finde, denn unter all dem Melodien-Mantel lauert eine bitterschwarze Seele und Texte, die direkt in die menschlichen Abgründe blicken lassen. Aber auch über die Livequalitäten wird oft und gerne gezankt: ich kenne Leute, die gehen schon gar nicht mehr auf die Shows, da ihnen die fetten Albumproduktionen zu sehr im Widerspruch zu dem live gebotenen Soundmatsch stehen. Das kann ich irgendwie auch nachvollziehen.
An diesem trotzdem heiß herbei gesehnten Abend kamen zudem satte 22 Euro Abendkasse dazu, ein Preis, den viele Kids verständlicherweise nicht mehr gewillt waren zu zahlen. Wie war das mit back to the roots?? Obendrein noch eine überforderte Melody-irgendwas-Truppe aus Norddeutschland, die selbst einen Nichtraucher wie mich schnellstens in den abgeschirmten Raucherraum trieb. Mit einem ansprechenden Support wären die 22 Euro irgendwie noch zu verkraften gewesen, aber so… Ich würde mal auf gute 400 Leute tippen, die sich trotzdem im SO36 sammelten, man hatte also locker Platz, um bis ganz vorne durch zu kommen. Ein Blick auf den üppigen Merch bescherte den nächsten Downer: 20 Euro für superdünne Shirts, nee, dann lieber beim Mailorder Qualität bestellen. Auch 7 Euro für 4 lieblose Buttons wollte sich keiner so wirklich anstecken.
Nun gut, Punkt 21 Uhr ging es wegen der folgenden Disco megapünktlich mit dem Titeltrack ‚This Addiction’ los, der bereits einiges emsiges Fingergepointe verbuchen konnte. Danach ging es mit ‚Armageddon’ in die von Fans so sehr geliebte Frühphase des Trios, was an diesem Abend auch nicht der einzige Ausflug bleiben sollte. Von einem gewohnt schlechtem Sound konnte ich nichts merken, von weiter hinten wurden mir die same old Probleme allerdings versichert. War mir auch ziemlich egal, denn als sehr früh der ‚Rock Against Bush’-Sampler-Beitrag ‚Warbrain’ rausgehauen wurde, konnte mich eh nix mehr halten… ein Obermegahit, immer wieder!! Es folgten ‚Dine dine my darling’, ‚Crawl’, Stupid kid’, ‚This could be love’ und ‚Private eye’, aber auch das viel zu selten gespielte ‚Sadie’ mit seiner Gänsehautgarantie. Oder die viel umjubelten ‚My friend Peter’ und ‚Mr chainsaw’. Ganz vergeblich wartete man auf sicher geglaubte Hits wie ‚Mercy me’ und ‚Calling all skeletons’ und ‚I found a way’. Schade eigentlich.
Der Zugabenteil überraschte mit der MISFITS-Coverversion ‚Attitude’, mit ‚Fine’ vom neuen Album, und dem obligatorischen ‚Radio’, das noch mal vehement aus allen Kehlen mit gegröhlt wurde. Groooooß und Gänsehaut galore!
Fazit: ein zumindest musikalisch begeisternder Abend, auch wenn so einige beschriebene Begleiterscheinungen etwas bitter nachwirken. Für eine über Jahre immer supergute Lieblingsband wie AK3 mache ich das noch gerne mit, da drück ich mal beide Augen zu…
Steven Gläser