Das Immergut-Festival ist ja bekanntlich ein kleines Paradies für Indie-Pop-Fans – ein idyllisch gelegenes Gelände, ein mit 5000 Leuten nicht zu großer Rahmen und massig gute Bands zum minimalen Eintrittspreis – klar, dass hier beständig gute Laune herrscht. Und ebenfalls klar, dass das Ganze eine perfekte Voraussetzung für magische Momente darstellt – wie etwa für das unglaublich gute Kettcar-Konzert am zweiten Festival-Tag.
Es begann eigentlich alles recht typisch – die Töne zu „Ausgetrunken“ erklangen, und binnen Sekunden tanzten und sangen 5.000 Leute jede einzelne Textzeile mit. Mit jedem weiteren Lied wurde aber aus einer perfekten Show immer mehr etwas unglaublich Berührendes. Bei „Landungsbrücken“ brachen alle Dämme und die sich bewegende Masse war nur noch eine einzige glückliche Einheit, bei „Balkon gegenüber“ etwas später war man vor der Bühne von unzähligen Menschen umgeben, die übers ganze Gesicht strahlten – und denen die eine oder andere Träne übers Gesicht lief. Aber auch wer sich bis zu diesem Zeitpunkt sämtliche Emotionen aufgespart hatte sollte noch geknackt werden – von den drei neuen Songs, die Kettcar an diesem lauen und wunderschönen Sommer-Abend spielten, basierte nämlich einer auf einem Zitat von Olli Schulz, das der bei einer Show in Freiburg auf der Bühne gemacht hatte: „Das Schlimmste ist nicht, wenn Liebe auseinander geht. Das Schlimmste ist, wenn Liebe auseinander geht und man sich noch lieb hat.“ Wem jetzt noch nicht das Herz in die Hose gerutscht war, dem konnte einfach nicht mehr geholfen werden – hier spielte sich etwas unglaubliches ab, und jeder der dabei sein konnte war glücklich darüber.
Völlig egal, dass man das eine oder andere mal den Fuß eines Crowd-Surfers an den Kopf bekam, weil man ihn nicht früh genug sah – an diesem Abend gab es wichtigeres als solche Banalitäten. Und natürlich durften Kettcar zwei Zugaben spielen – wer bei so einer Show, bei so einer Atmosphäre nur an den eng gestrickten Zeitplan denkt, hat etwas grundlegend falsch verstanden. Klar also, dass die Veranstalter des Immergut der Band Extra-Zeit gewährten und uns vor der Bühne somit noch ein paar Minuten länger in Glückseeligkeit schwelgen ließen.
Tito Wiesner