War ja abzusehen: Nach dem Presserummel der letzten Wochen – es gab ja kaum eine Musik-, Lifestyle- und wahrscheinlich noch nicht einmal eine Frauenzeitschrift, die nicht über das neue Kettcar-Album berichtet hat – platzte der Columbiaclub an diesem Abend aus allen Nähten, wer versuchte abends noch ein Ticket zu bekommen hatte Pech. Pale durften so gegen 21 Uhr bereits vor gefüllter Halle anfangen und wussten wie in den „guten alten Zeiten“ zu begeistern – wir erinnern uns an ebenso großartige Shows im Vorprogramm von Jimmy Eat World oder gar im Wild At Heart. Das LineUp hat sich zwar ein bisschen verändert, die Spielfreude ist aber die alte geblieben, wenn mir persönlich die alten Hits a la Teenage Heaven doch ein ganzes Stück besser gefielen als die neuen Nummern. Beendet wurde das Set wie gewohnt mit „Town Called Malice“ und einem nur vom Keyboard begleiteten Songwriiter-Stück – schön, und hoffentlich bald wieder live zu erleben.
Kettcar begannen dann gegen 22 Uhr mit einem der fürchterlichsten Intros der Musikgeschichte – die Synthesizer-Musik, die da von Band kam, ließ eher Heiterkeit denn Stimmung aufkommen. Aber genau das war wohl auch bezweckt, denn kurz darauf schlurfte die Band gewohnt ohne große Posen auf die Bühne, spielte „Deiche“ an – und dank des wirklich furchtbaren Sounds übte sich das Publikum erstmal noch in Zurückhaltung. Die hielt aber nicht lange an, beim folgenden „Ich danke der Academy“ setzen sich die Massen in Bewegung und fingen an, immer lauter mitzusingen. Spätestens bei „Balkon Gegenüber“ und „Landungsbrücken“ rutschten kollektiv die Herzen in die Hosen – wie kann man auch zwei solche Über-Songs direkt hintereinander spielen, das ist emotional schon eine echte Herausforderung. Der Sound war mittlerweile auch deutlich besser, allerdings waren die meisten zu diesem Zeitpunkt schon so voller Glückshormone, dass Klangqualität zu einer absoluten Nebensächlichkeit wurde.
Beeindruckend war, wie sehr sich Frontmann Markus im Laufe der Jahre zum wirklichen Entertainer – wenn auch auf seine ganz eigene Art und Weise – gemausert hat. Kein Vergleich zur recht kühlen Art früherer …But Alive-Shows oder auch den ersten Kettcar-Konzerten; stattdessen gab es neben Beschimpfungen von Berlin und gespieltem St. Pauli-Prollverhalten gleich ein paar Anekdoten zu hören – unter anderem die, wie Tomte-Chef Thees Ulmann einer Frau von Kettcar erzählte und die nach einigem Überlegen entgegnete: „Kettcar, das sind doch die hässlichen Typen vom Visions-Cover, oder?“ Oder auch der Kommentar, dass man die alten Songs eigentlich nur spiele um den neu hinzugekommenen Juli- und Silbermond-Fans das frühere Material vorzuspielen…Klar, ironisch waren die Jungs schon immer, aber so viel Ironie ohne bitteren Zynismus ist dann doch neu. Übrigens waren die Befürchtungen, bei der Show mehr neue durch den Medien-Hype hinzugekommene Hörer als alte Fans anzutreffen, dann doch relativ unbegründet – die alten Songs wurden allesamt inbrünstiger abgefeiert als die neuen Titel.
Nach genau einer Stunde war das reguläre Set zwar beendet, bei der unglaublich guten Stimmung war eine Zugabe aber natürlich Pflicht, und das für Berliner Verhältnisse ungewohnt euphorische Publikum wurde noch mit einigen Songs belohnt – selbst nach „Ausgetrunken“ und im „Taxi Weinen“ war noch nicht Schluss, es folgten immer noch ein weiterer Song, bis dann nach gut 90 Minuten „Balu“ wirklich den Abschluss darstellte. Großartig. Aber das muss man bei Kettcar ja eigentlich gar nicht mehr erwähnen.
Tito Wiesner