Wir Berliner sind ja verdammt verwöhnte und dadurch abgefressene Menschen. Mit Konzerten kannste uns kaum noch aus der Reserve locken, denn wenn man tagtäglich zu Shows gehen kann, hält sich die Begeisterung irgendwann in argen Grenzen. Ist leider so. Umso mehr waren wir aus dem Häuschen, als sich eine handvoll Kumpels aufraffte, um einen Ritt zu den tollen Gaslight Anthem nach Dresden zu tun. Hatte ich die Jersey-Boys 2 Wochen vorher noch wegen eines anderen Termins direkt in Berlin verpasst und musste am letzten Wochenende aus Geldmangel auf die Show in Hannover verzichten, so war es nun also an der Zeit wie in den guten alten Tagen die Autobahn zu hitten und einen anderen Tourort zu shredden, yeah!
Dresden ist von Berlin aus mit einem flotten Auto locker in 2 Stunden zu erreichen und für die Saufgrundlage zeichnete sich vor Ort eine derbe gute Dönerbude in der Nähe des AZ aus, wo es besseren Falafel als in der Hauptstadt gab. Respekt! Das AZ selber war an diesem Dienstagabend trotz überaus fairer 5 Euro Eintritt spärlich besucht, es reichte jedoch aus, um den kleinen Saal einigermaßen zu füllen.
Den Support bestritten die aus Portland/Oregon stammenden Life At These Speeds, die momentan zeitgleich in Europa unterwegs sind. Ihr etwas sperriger Mix aus Fugazi, Chokebore und frühen Modest Mouse fand definitiv seine Fans, und auch unseren Trupp konnte ein gewisses Mitwippen im Takt nicht verneinen. Es gab wunderbar straighte, geradeaus gerotzte Songs, und immer wieder durfte der bullige zweite Gitarrist ein paar Gesangsbrocken dazusteuern. Der Sound war mächtig laut und krachig, definitiv too much für den kleinen Saal. Nach etwas mehr als einer halben Stunde war allerdings Schluss, bevor es für meinen Geschmack zu vertrackt und langatmig wurde.
Nach einem sehr kurzen Umbau sprangen dann die 4 Jungs aus New Jersey gutgelaunt auf die Bühne. Nicht nur 2 emsige Fans in der ersten Reihe dankten die vorgetragene Energie mit textsicherem Mitsingen und warmen Applaus, was der Band sofort ein breites Grinsen in die Gesichter zauberte und sie Dresden zur bis dato „besten Show“ küren ließ. Denn, so erklärte der Sänger (übrigens ein optische wie stimmliche Mischung aus Nagel von Muffpotter und Chris Roe von The Ataris), man sei nun schon so lange unterwegs, in immer wieder weiteren ihnen unbekannten Städten, und werde trotzdem so warmherzig aufgenommen. Und das mache ihn so unglaublich happy. Das erklärte dann auch die enorme Freude, die die Jungs im weiteren Verlauf des rund einstündigen Sets an den Tag legten. Das Hitfeuerwerk vom Knallerdebüt ‚Sink Or Swim’ kam zwar live nicht so sauber rüber, was neben dem zu lauten Haussound auch an einigen morbiden, knackenden Kabeln lag. Das wurde aber mit unermüdlicher Spielfreude übertrumpft, die mich stark an die ersten wilden Auftritte der Get Up Kids, Promise Ring und Hot Water Musik erinnerte. Mann, das waren noch Zeiten! Und The Gaslight Anthem wussten an dieses Feeling anzuknüpfen und einen grandiosen Auftritt hinzulegen! Man lud das Publikum gerne und oft zum Mitsingen ein, das die entsprechenden Parts auf CD auswendig zu kennen schien. Wahnsinnsband, und ich will gar nicht wissen, wie die auf einem noch besser gefüllten Konzert erst durch die Decke gehen! Nach dem staatlich verordneten Ende um Punkt 12 verließen wir alle mindestens genauso breit grinsend und mit frischem Merch ausgestattet den Club.
Auf der Rückfahrt wurden dann nochmal alle Hits mitgeschmettert und Hymnen wie ‚Drive’ bekamen hier erst ihre ganz besondere Note. Geilo!
Steven Gläser