Das Groezrock-Festival in Belgien war heuer fast so etwas wie ein Reunions-Festival: Face To Face, 59 Times The Pain, Hot Water Music, Finch und No Fun At All hatten viele schon mehr oder weniger abgeschrieben und waren allesamt in Meerhout am Start. In der grenznahen Bauernidylle konnten sie sich gemeinsam mit den Besuchern über das grandiose Wetter freuen, welches für viel Sonnenschein und einen wolkenlosen Himmel bis in den späten Abend sorgte. Die Rahmenbedingungen waren also nahezu optimal, zumal sich die Bandbestätigungen sehen lassen konnten (vor allem nachdem Lit und Good Charlotte durch Thursday und die Bouncing Souls ersetzt wurden). Leider konnten wir nur das Freitagsprogramm genießen und mussten somit bei den (nach Zeugenaussagen) grandiosen Auftritten von No Fun At All, Face To Face, Story Of The Year (!?) und den Bouncing Souls leider passen.
Für uns begann das Festival mit dem Auftritt von STRIKE ANYWHERE, die erstaunlich früh auf die Bretter geschickt worden sind. Mag ja sein, dass sie bei der parallel ablaufenden Give It A Name Tour von den Emokids nicht hoch im Kurs stehen; beim Groezrock jedenfalls kam der Band eine ungleich höhere Stellung zu. Denn auch wenn viele Besucher noch in den langen Warteschlangen am Eingang auf ihr Bändchen warteten, sollte sich das Core-Zelt am heutigen Abend nicht mehr so stark füllen wie bei der Gruppe aus Richmond. Wer sein Ticket bereits erfolgreich abgescant hatte, wurde von der Gruppe sogleich bestens bedient. Sänger Thomas war auf der Bühne kaum zu halten und befand sich ständig in der Luft oder im Bühnengraben. Eine besonders geile Stimmung kam dabei vor allem bei den Midtempo-Stücken auf, bei denen das ganze Zelt erstaunlich textsicher mit einstimmte. Einziger Wehrmutstropfen dieses und aller folgender Auftritte: Der Sound auf der Core-Stage war grottenschlecht und einfach nur laut. Sofern man die Stücke vorher nicht kannte, war es wirklich schwierig, in dem Soundmatsch überhaupt etwas herauszuhören. Dennoch war der kleine Triumphzug von Strike Anywhere schon beinahe Headliner tauglich.
Im großen Zelt kam derweil mit HEAVEN SHALL BURN die mit Abstand härteste Band zum Zuge. Auch wenn HSB gerade optisch immer stärker in Richtung Metal gehen, konnten sich auch die Punkrocker für den Metalcore der Thüringer erwärmen. Bei aller professionellen Brutalität war vor allem die Aussprache von Sänger Marcus sehr erheiternd: „Thä näxt zong is coold „Laik E Tausääänds Sanzz“. Mit einem Best-Of Programm ihrer bisherigen Platten und Stücke wie „Voice Of The Voiceless“ sorgten sie mit Circle Pit und einer riesigen Wall Of Death jedenfalls für raue Unterhaltung. Ein klarer Punktsieg für die sympathische Gruppe, die auch vor einem großen Publikum locker bestehen kann.
Bei unserem Wechsel ins Nachbarzelt waren SILVERSTEIN schon mitten in ihrem Set und konnten ähnlich viele, wenn auch wesentlich jüngere, Zuhörer vor die Core-Stage ziehen. Die Kanadier boten eine energische und vitale Show und schafften es wirklich gut, die große Bühne komplett auszunutzen. Auch wenn für Emo-Hasser das Outfit der Gruppe überhaupt nicht klar gehen dürfte, waren die Musiker und auch Sänger gut auf einander eingespielt: Auch wenn das Geschrei teilweise etwas verschluckt wurde, verhalf der gute saubere Gesang den Stücken wie „Your Sword Vs. My Dagger“ zu dem gewohnten Ohrwurm Effekt.
Sehr lustig waren auch die Sprüche von Sänger: „Jetzt kommt ein ganz brutales Stück und keine Popnummer“; „Mögt ihr Punkrock? Jetzt kommt ein Punkstück“: Und heraus kommt dann jedes Mal derselbe locker-flockige Screamopop. Genau deswegen sind Silverstein zwar nicht jedermanns Sache, werden aber anderseits von ihrem Publikum auch heiß geliebt: Keine Band dürfte an diesem Freitag mehr Shirts verkauft haben als die Gruppe aus Burlington.
Der letzte Deutschlandabstecher von FINCH hat bei manchen Ohrenzeugen für solch geteilte Reaktionen gesorgt, dass manche ihren Split nicht wirklich bedauert haben. Und auch beim Groezrock war der Auftritt von Finch erneut eine sehr zweischneidige Angelegenheit. Einerseits wollte die „Say Hello To Sunshine“-Stücke so gut wie niemand hören. Anderseits sorgten Songs vom Debüt für strahlende Gesichter und irgendwie war es schon ne gute Sache „New Beginnings“, „Grey Matter“ und „Stay With Me“ doch noch einmal live zu sehen und zu hören; ganz zu schweigen von „Letters To You“ und „What It Is To Burn“. Bei der etwas blutarmen Darbietung beschlich einen aber schnell das Gefühl, dass die Gruppe nicht wirklich Bock auf die alten Stücke hatte. Gerade im Vergleich zu den beinahe schon sportlichen Silverstein wirkten Finch nicht wirklich motiviert und konnten in Gestalt von Sänger Nate nicht annähernd die Kommunikation mit dem Publikum herstellen. Eine kleine Enttäuschung.
Wegen des Terminstresses musste der ANTI-FLAG Auftritt leider größtenteils den Fressständen weichen. Dennoch war es ganz deutlich, das Anti-Flag die Geschmäcker auf sich vereinen konnten und mehr Publikum und Reaktionen als Billy Talent erreichen sollten. Vor allem bei „Die For Your Government“ war die Stimmung super und das ganze Zelt am Springen. Sehr gut.
Von den Anfangs erwähnten Soundproblemen waren vor allem ALKALINE TRIO betroffen: Viel schlechter hätte die Akustik nicht sein können, so dass man selbst als alter Fan größte Mühe hatte, die Stücke überhaupt zu erkennen. Wirklich, schade, zumal die Gruppe in Zentraleuropa ja eher durch Abwesenheit geglänzt hat und viele Besucher ganz offensichtlich extra wegen Alkaline (und HWM) zum Groezrock gefahren sind. Jedenfalls waren der Sound und auch die Songauswahl nicht gerade glücklich gewählt. Nach einem instrumentalen Intro machte „We´ve Had Enough“ den Anfang, welches gemeinsam mit „Time To Waste“ nur leidlich die jüngere Vergangenheit abdeckten (es lässt sich schon diskutieren, ob „Another Innocent Girl“ und „She Took Him To The Lake“ unbedingt bei solch einem Minimalauftritt zum Zuge kommen müssen, anstatt ein Best-Of Programm zu spielen). Und bald offenbarte sich schon das kleine Manko an der Bandbesetzung: Da Matt und Dan jeweils an ihre Mikros gefesselt waren, fiel das Stageacting auf der riesigen Bühne (und leider auch die Kommunikation mit dem Publikum) sehr mager aus. Dafür wurden bereits zwei bekannte Stücke von ihrem kommenden Album „Agony And Irony“ vorgestellt, die sehr unterschiedlich angekommen sind. Das poppige „Help Me“ wird jedenfalls noch viel an Überzeugungsarbeit leisten müssen, um von den Fans akzeptiert zu werden und konnte live gar nicht überzeugen. Dem hingegen kam die Version von „In Vein“ wesentlich besser rüber und konnte sich bestens in das Set integrieren („Help Me“ war wie ein Fremdkörper). Lange Rede, kurzer Sinn: Der Alkaline Auftritt war nicht unbedingt das gelbe vom Ei.
ABER dann das große Finale: „Radio“ mit drei Vierteln Hot Water Music, inklusive Chuck Ragan an der Gitarre und Gesang. Unglaublich geil - und plötzlich war auch das Publikum da. Matt nutzte die gewonnene Freiheit auch gleich für einen Abstecher in den Bühnengraben um mit den Fans zusammen das Stück zu Ende zu bringen. Alleine diese Version hat den ganzen Auftritt gerettet und war für mich so ziemlich einer der besten Livesongs ever! Großes Kino! Schade, dass sich Matt und Dan nicht später bei „Rooftops“ revanchiert haben, um den Gedanken ihrer Split-EP zu Ende zu führen. Dennoch ließen sie es sich nicht nehmen, den kompletten HOT WATER MUSIC-Auftritt auf der Bühne zu verweilen, was Chuck zu den Worten verleitete: „Hot Water Music sind zurück und eben gerade standen wir mit Alkaline auf der Bühne. Es ist wie eine Familien Zusammenführung.“
Und vor der Bühne hatten sich bereits etliche Zeugen mehr als freiwillig zusammengefunden, um dem Gainesville Vierer ihre Aufwartung zu machen.
Alleine die drei eröffnenden Lieder sprechen Bände: „A Flight And A Crash“, „Wayfarer“ und „Rooftops“. Die Stimmung vor der Bühne war in sekundenschnelle am Kochen und wurde von einem so perfekten Best-Of Programm angefeuert, wie in den besten Tagen (besonders „Paper Thin“). Und völlig glaubhaft konnte man anhand der Gesichter der Musiker ablesen, was sie für einen Spaß beim gemeinsamen Musikmachen haben. Gerade Chuck war wieder die alte Rampensau und schien im verzerrten, rauem Sound seiner alten Truppe voll aufzugehen. Es herrschte eine Stimmung vor, ähnlich wie bei den ersten No Fun At All-Reunion Konzerten. Das Highlight des Freitags!
Schweren Herzens verließen wir die Show jedoch frühzeitig, um BILLY TALENT auf der Hauptbühne zu begutachten… eine Entscheidung, die wir ziemlich bereuen sollten (HWM haben im Anschluss noch „True Believers von den Bouncing Souls gecovert). Zwar konnten die Kanadier als einzige Gruppe mit einem Sound aufwarten, der das Prädikat „befriedigend“ rechtfertigte und machten mit ihrer Lichtshow auch ordentlich Eindruck und trotzdem war der Gig nicht mehr als solide heruntergespieltes Entertainment: Am linken Bühnenrand wie angewurzelt Ian D´Sa, am rechten Jon Galant und in der Mitte Benjamin. An dieser Ausrichtung sollte sich in der Folgezeit absolut null und gar nichts ändern; der Bewegungsradius war lächerlich klein. So sicher wie das Amen in der Kirche fiel schließlich das T-Shirt von Ben, um das größtenteils minderjährige Publikum vor der Bühne in Verzückung zu bringen (so richtig original mit Zahnspange etc.). Viel mehr passierte dann eigentlich nicht. Die Menge fraß der Band aus der Hand, das erste Album wurde erfreulicher Weise stärker berücksichtigt und bei der Zugabe „Falling Leaves“/“Red Flag“ steppte der Bär in Meerhout. Doch auch Sound und Licht konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies der Auftritt einer „satten“ Band gewesen ist, die sich langsam aber sicher auf einem gediegenen Enterteinment-Niveau einpendelt. „Das Besondere“ hat die Band aber irgendwie verloren…
Bis hierhin war das Groezrock jedenfalls an diesem Freitag (mal wieder) eine runde Sache, gut organisiert und hat insgesamt viel Spaß gemacht. Jetzt müssen die Veranstalter für 2009 nur ne ordentliche Soundanlage besorgen und Meerhout könnte zum „Wacken des Punkrock“ mutieren.
Jan Laging
N/A