Könnt Ihr Euch noch erinnern, damals eine Eurer späteren Lieblingsbands auf einer der ersten Tourneen gesehen zu haben? Eine dieser Bands, die man abgöttisch für Texte und/oder Musik verehrt hat? Deren Album auf Dauerrotation auf dem heimischen Hifi lief und immer wieder Funken der Leidenschaft versprühte? Deren Logo man sich spätestens mit der zweiten Platte tätowieren ließ? Dass solch eine innige Liebe auch heute noch entfacht werden kann, das beweisen The Gaslight Anthem gerade im großen Stile.
Als das grandiose Debütwerk ‚Sink Or Swim’ im letzten Jahr erschien, waren es überall nur eine handvoll eingeschworener Enthusiasten, die die erste Europatour der Jungs aus New Jersey abfeierte. Doch das Lauffeuer brannte danach lichterloh und machte seine unaufhaltsame Runde. Gebrannte Cds wurden wie früher im Freundeskreis weitergereicht und als heißer Geheimtip gehandelt. Fans von Bands wie Hot Water Music, Against Me!, Fake Problems, Promise Ring und den alten Get Up Kids sind ja auch keine dummen Menschen, sondern am Puls der Zeit, so dass sich die Besucherzahlen allerorten nun verzehnfachten. Aus 20 Leuten vor der Bühne wurden 200, allesamt textsicher und begeistert bis in die Haarspitzen. Sowas hat man lange nicht mehr in Punkrock- und Postcore-Zirkeln erlebt, mir persönlich fallen da nur die ersten Shows der oben genannten Bands ein, die eine solche Atmosphäre zu erzeugen im Stande waren.
Nach vielleicht 20 Besuchern im letzten Jahr nun also eine pickepacke volle Hütte in Berlin, wobei viele Gäste auch einfach nur wegen der nebenan tobenden Indie-Party bzw als logische Fortsetzung des Umsonst-und draußen-Spektakels ‚Fete Dela Musique’ anwesend waren. Ich gehe hier mal von ca 200 Leuten aus, die mit dem Bandnamen überhaupt etwas anfangen konnten. Viele davon auch wieder mal nicht aus Berlin. Typisch. Aber gut so. Dicht gedrängt nahm man den Opener ‚Drive’ in die weit geöffneten Herzen auf und ging sofort in den Mitgröhl-Modus über. Ein kleines Meer aus schnell verschwitzten Körpern, aus pointierenden Fingern und Händen. Wer etwas auf sich hielt, hatte natürlich die Texte auswendig gelernt und schmetterte sie in den dafür vorgesehenen Passagen Richtung Bühne. Gänsehaut galore in einem sauna-artigen Club. Reichlich konsumiertes Bier wird umgehend wieder ausgeschwitzt. Männer liegen sich in den Armen und Indie-Disco-Kids lassen sich spontan zu Applaus hinreißen. The Gaslight Anthem scheinen geblendet vom Bühnenlicht oder verkatert vom Vorabend, bevor sie erkennen, was da vor ihnen vor sich geht, sich nach 2 Songs ein breites, überglückliches Grinsen über alle Musikermünder zieht und Band und Publikum zu quasi einer Masse verschmelzen lässt.
Den Anfang dominieren die Hits des Debütalbums, immer wieder flammt ein Song von der aktuellen ‚The Senor And Queen’-EP durch, die den ersten Reihen natürlich keine Unbekannten sind. Ganz extrem gänsehäutig wird es, wenn melancholisch ruhige Stücke wie ‚Blue Jeans And White T-Shirts’ ausgepackt werden, die an den jungen Springsteen erinnern. Textlich muss man aber auch The Ataris nennen, denn es gibt nicht viele Musiker, die ihre Melancholie speziell in Autos und auf langen Nachtfahrten verarbeiten.
Nach ca 40 Minuten ist für mich Schluss, ich muss mich abrupt losreißen und als DJ in einem anderen Club loslegen. Das fühlt sich in ungefähr so an, wie eine geliebte Frau morgens im Bett zurücklassen zu müssen…
Steven Gläser