Unterstützt von geballter norddeutscher Indiekompetenz (Hennig, von Rautenkranz, Meyer und und und) stürzen sich Stuertz mit ihrem Debüt „So lang es ohne Luftholen geht“ in die stürmischen Gewässer deutscher Popmusik. Schiff Ahoi, auch wenn die Prominenzparade, die als Taufpate für diese Platte mit dickem Portfolio über den Deich zuckelt, fast vom eigentlichen Star ablenkt, der Musik. Abseits vom mittlerweile schon fast wieder abgenudelten Phänomen des deutschen Stadionrock mit weiblichem Gesang und Nullsatzlyrik haben Stuertz eine verschrobene, freundliche, entspannte, deutschsprachige Pop-Platte aufgenommen, die durch Liebe zum Detail und kluges Songwriting besticht.
Sämtliche Songs auf „So lang...“ stammen aus der Feder/den Fingern/den Hirnwindungen von Sebastian Stuertz, seines Zeichens Gitarrist, Sänger und namensgebende Instanz der Band. Und man kann es nicht anders sagen, der Herr Stuertz hat in Sachen Pop seine Hausaufgaben gemacht. Bestes Beispiel dafür: „Schweden“, eines der Kleinode die das Album zu bieten hat, in dessen Verlauf sich sogar textlich die angenehme Sinnfreiheit von Popmusik in All ihrer Pracht entfalten kann (und wo wird besserer produziert als im Land des Elchschinkens?). „Haus auf dem Land“ glänzt durch Ironie und Wortwitz, „So wenig wie möglich“ durch zackigen NDW-Beat und Gesangsmodulationen die einem die Freudentränen in die aufgerissenen Äuglein treiben. Eine Platte ohne Ausfall, mal getragen, mal nachdenklich und dann wieder hüpfend wie ein Flummi. Eingängige Melodien kommen hier gerne etwas windschief daher, Ohr-und Wattwurm sind vielleicht doch verwandte Spezies.
Bei Stuertz wirkt das alles ganz einfach. Obwohl die Arrangements verfrickelt sind wie ein 50000 Teile Puzzle von Ravensburger, sind sie nie bombastisch oder überladen. Die Gitarren zirpen klar und meist unverzerrt, dazu gibts eine Orgel, ein staubtrockenes Schlagzeug und einen melodieverliebten Bass. Stimmlich fühlt sich der Hörer oft an Element of Crime erinnert, auch wenn die Theatralik der Regener-Combo fehlt. Ebenso geht der Platte erfrischenderweise dieser Nabelschau-Befindlichkeitslyrik-Gestus ab, der ähnliche Veröffentlichungen oft ungenießbar macht. Stilistisch bleibt „So lange...“ allerdings so poppig konsequent, dass dem beinharten Hardcore-Fan auf jeden Fall vom Kauf abgeraten sein soll. Wer es leicht mag, auch an Regentagen die sonnige Seite des Lebens nicht vergisst und sich nicht zu cool ist auch mal Uuuh und Aaah und Shalala zu singen ist mit „So lange es ohne Luftholen geht“ allerdings bestens bedient.
Timo Richard 7,5/10