Auf den ersten Blick zuckersüß, bei genauem Hinschauen aber zartbitter - dieser Kontrast hat Alkaline Trio schon immer ausgezeichnet. Auf ihrem neuen Album "This Addiction" perfektionieren sie dieses Verwirrspiel allerdings; nie war der Abstand zwischen Schein und Sein so groß.
Dabei handelt das neue Alkaline Trio-Werk eigentlich von Liebe. Aber auch von Drogensucht. Laut Matt Skiba gibt es zwischen beidem nämlich keine großen Unterschiede - Heroin ist genauso wie eine Beziehung: Beflügelnd und euphorisch zu Beginn, zerstörerisch und in den Wahnsinn treibend am Ende. Die Songs folgen derselben Grundidee: Leichtfüßig, eingängig, beschwingt und kickend beim ersten Kontakt. Aber mit Inhalten, die von Leid und Verzweiflung über Entzug bis Selbstmord reichen - sehr viel Schatten, kaum Licht heißt hier das Motto.
"This Addiction", "Lead Posioning" (mit überraschendem, sich aber perfekt ins Klangbild einpassenden Bläser-Solo) oder "Piss And Vinegar" sind Hits, die man nicht erst kennen lernen muss, um sie zu vergöttern. Gleichzeitig aber sind sie vollgestopft mit Texten, die so verzweifelt und düster sind wie schon lange nicht mehr beim Trio. Pianos und Streicher und Bombast hat man diesmal bewusst weggelassen, sich dafür auf die eigene Frühphase besonnen, die Stücke schnell und direkt eingespielt und den Ohrwurmfaktor zu neuen Höhen getrieben. Liebe auf den ersten Blick ist die Folge - und Abhängigkeit spätestens nach dem dritten Durchlauf.
Tito Wiesner 8.5/10