Liebe verzeiht bekanntlich – nicht alles, aber vieles. Das ist einer der Gründe, warum Therapy? in den letzten Jahren immer noch halbwegs gute Plattenbesprechungen bekommen haben – nicht nur von mir, sondern in vielen Magazinen – obwohl die Platten zuletzt bestenfalls noch solider Durchschnitt waren. Aber wenn eine Band in den Neunzigern so grandiose Platten veröffentlicht hat wie Therapy?, zudem immer wieder unglaublich sympathische Shows gespielt hat und so kontinuierlich trotz immer geringerem Zuspruch Platten veröffentlicht, nötigt einem das eben irgendwie Respekt ab. Und man tendiert dazu, sich die Platten so lange anzuhören, bis man doch etwas positives an ihnen findet. Objektiv ist das nicht, menschlich schon.
Selbst dieses große Reservoir an Liebe und Sympathie ist allerdings irgendwann aufgebraucht. Und „A Brief Crack Of Light“ ist die Platte geworden, der sich beim besten Willen kaum noch etwas positives abgewinnen lässt. Vielleicht kann man den Iren noch „Experimentierfreude“ attestieren. Wenn diese allerdings in so schrägen, uninspirierten und halbgaren Rocksongs mündet, die weder mit Melodien noch mit Durchschlagkraft überzeugen können, gehen auch dem größten Anhänger die Argumente aus.
Im Opener zitiert man zahlreiche Noiserock-Elemente, die zusammen genommen aber keinen Song, sondern nur ein wirres Medley ergeben. „Plague Bell“ leiert düster vor sich hin, „Marlow“ hat zwar ein eingängiges Riff, aber unsägliche Esoterik-Chöre – diese unerfreuliche Liste lässt sich bis Song 9 fortführen. Bezeichnend, dass ausgerecht das atmosphärische „Ecclesiates“ ganz am Ende der Platte das beste Stück ist – trotz Vocoder und einem Sound, den man so eher von AIR als von Therapy? erwarten würde. Aber hier wirkt zum ersten mal alles stimmig und durchdacht – fast so als wolle man sich mit einem versöhnlichen und ruhigen Ende für das vorherige entschuldigen. Ein Plan, der leider nicht aufgeht.
Tito Wiesner 3/10