Mit "Good Mourning" erscheint am 19.05. endlich das neue Album von ALKALINE TRIO. "From Here To Infirmary" war 2001 eines der besten Alben des Jahres und es sieht so aus, als könnte es mit "Good Mourning" 2003 ähnlich werden. Am 09. Mai weilte das Trio in Berlin, wo man sich mit den MAD CADDIES, RISE AGAINST, LAWRENCE ARMS und den FLIPSIDES am Abend die Bühne des SO36 teilte. Am Nachmittag trafen Tito und ich uns mit Lauri vom Roten Faden, zusammen um die Band zu interviewen. Und so fanden sich im Hof des SO36 zwischen einem Fotoshooting und spielenden Kinder wir drei und, nach kurzweiligem Warten, Dan Andriano, Derek Grant und Matt Skiba ein...
Euer neues Album, "Good Mourning", ist gerade erschienen. Was würdet Ihr in Euren eigenen Worten sagen, hat sich zwischen "From Here To Infirmary" und "Good Mourning" verändert?

Matt: Es ist das erste Album, das wir mit Derek gemacht haben. Er hat eine Menge neue Elemente eingebracht. Er hat viel mit der Produktion der Platte und den Arrangements der Songs gemacht. Das ist etwas, was wir so vorher noch nicht gemacht haben. Joe McGrath und Jerry Finn haben das Album produziert und es war ebenfalls das erste Mal, dass wir mit den beiden als Produzenten gearbeitet haben, wobei Jerry Finn "From Here To Infirmary" gemischt hat. So ergab sich das Trio Derek- Jerry- Joe, so ergaben sich eine Menge neuer Ideen und Optionen, welche wir in das Album einbringen konnten.
Wenn ich "Good Mourning" jemandem beschreiben müsste, der Euch kennt, würde ich sagen, dass das Album irgendwo zwischen "Maybe I'll Catch Fire" und "From Here To Infirmary" liegt, wie seht Ihr das?
Matt: Ja, ich denke, dass passt ganz akkurat, wenn du mit unseren Alben vertraut bist. Gleichzeitig hoffen wir aber, dass das Album etwas neues und erfrischendes ist, was aber nicht verfälscht, wo wir herkommen und gleichzeitig weit genug geht, um interessant zu sein.
Im Vorfeld der Interviews bzw. der Vö des Albums gab es nur sehr geringe Promotion des Albums. Habt Ihr als Band "Angst" davor, dass es das Album im Vorfeld der Vö im Internet zum Download gibt?
Matt: Das ist schon lange passiert. In den USA hat schon jeder die Platte.
Derek: Es ist keine Angst oder ähnliches, davor, dass das Album zum Download bereit steht. Es ist nur so, dass wir die Überraschung bis zur Veröffentlichung auch wie eine Überraschung behandeln wollen. Wir wollen die Musik sozusagen im Paket behalten. Wenn du es dir dann aus dem Internet runterladen kannst, hat jemand das Geschenk geöffnet, bevor Bescherung war.
Matt: Es ist sehr frustrierend. Ich meine, Plattenverkäufe sind schön, aber nicht das wichtigste. Wenn das Album aber schon online ist, ist die Überraschung flöten gegangen. Dann ist alles ein Witz- die Leute bekommen das Artwork für 15 Dollar. Das ist scheiße- so wird Weihnachten quasi ruiniert.
Wie war es denn für Euch "Good Mourning" zu machen? Mit "From Here To Infirmary" seid Ihr ja ein ganzes Ende bekannter geworden.
Matt: ich habe den Eindruck, dass, umso länger wir Platten machen, umso mehr Druck versuchen die Leute uns aufzuerlegen. Das versuchen wir aber weitest gehend zu ignorieren und einfach die beste Platte zu machen, die wir machen können. So war es auch mit "Good Mourning", wir haben versucht die beste Platte bis Dato zu machen, und ich denke, dass wir das geschafft haben.
Matt, auf dem Album ist ein Stück, welches davon handelt, wie du entführt und getötet wirst. Wie bist Du auf die Idee zu dem Stück gekommen?
Matt: Ich weiß nicht. Ich habe nie jemanden gekannt, der mich wirklich hätte umbringen und töten wollen. Wenn die Person existieren würde, wäre es definitiv inspirierend, sich vorzustellen, wie die Person das bekommt, was sie wirklich will. Es ist nichts, was mich konstant beschäftigen würde, aber es kamen einige Ideen zusammen, und die war dabei.
Fasziniert Dich der Tod generell?
Matt: Ich denke, es fasziniert jeden, oder nicht? Ich bin mehr vom Tod fasziniert, als ich Angst vor ihm habe.
Du hattest vorhin schon den Entstehungsprozess von "Good Mourning" angerissen, könntest Du selbiges noch ein wenig ausführen?
Matt: Wir waren eine Menge auf Tour, um genau zu sein, fast das ganze letzte Jahr. So haben wir eine Menge Zeit damit verbracht, auf dem Bus neue Stücke zu schreiben. Derek und Dan haben dann ein Pro- Tool Studio bei uns im Bus eingerichtet und, als wir auf der Warped Tour waren, haben wir die ganze Zeit Lieder geschrieben, aufgenommen und immer wieder Demos gemacht. Auf diese Art und Weise sind wir langsam aber sicher an das Album herangekommen. So gesehen war es eher ein trockener Entstehungsprozeß.
Wie ist es denn generell bei Euch mit Schreiben und Aufnehmen. Ich meine, Ihr wohnt in Detroit, Chicago und Berkeley; also ziemlich über die USA verstreut. In wie weit beeinträchtigt das Euch?
Dan: Derek wohnt seit kurzem in Chicago. Matt kommt ja ursprünglich auch aus Chicago und er und ich haben lange genug zusammen gespielt, dass wir uns gegenseitig verstehen und wissen, wie das Songwriting des Anderen funktioniert. Von daher kann man schon sagen, dass das Hauptquartier der Band immer noch in Chicago ist. Matt kommt ein paar Wochen bevor wir Touren in die Stadt und dann spielen wir eigentlich jeden Tag zusammen. Wenn wir Stücke schreiben, müssen die im Nachhinein auch nicht mehr groß korrigiert werden, da wir, wie gesagt, unser Songwriting ganz gut verstehen. Wenn einer von uns einen Song einbringt und wir alle damit einverstanden sind, dann arbeiten wir ein wenig dran und Derek macht seinen Input. Ziemlich schnell ist es dann meistens so, dass wir alle damit zufrieden sind.
Und wie läuft das Songwriting dann im Detail ab?
Dan: Normalerweise schreibt einer 90 % eines Stückes. Z.B.: Matt bringt einen Song und Derek und ich finden ihn cool und machen gar nichts mehr dran. Manchmal werkeln wir noch ein wenig, aber das war es dann meistens.
Ich habe mal eine Geschichte gehört, dass eine Kirche etwas gegen Eure Alben unternehmen wollte?
Matt: Das war ein Gerücht, was ich mal gehört habe, aber nicht genau weiß, ob es stimmt oder nicht. Es gibt in der Vorstadt von Chicago eine Kirche, die gegenüber von einem Plattenladen liegt. In dem Laden gab es halt alles, von ALKALINE TRIO über satanischen Metal bis hin zu "White Power" Platten und so. Was immer du wolltest, du hast es da bekommen. Das hat einige Leute verständlicherweise angepisst. Ich habe dann gehört, dass unser Album "Goddamnit!" von eben jenen Leuten entdeckt wurde und sie dachten, dass es eindeutig satanisch war und schlecht gegenüber Kindern wäre etc. Ich habe aber auch eine gegenteilige Geschichte gehört. Da ist es dann so, dass es eine Liste gab mit Platten, welche Jugendliche gefährden und da waren wir auch drauf. Ich weiß echt nicht, ob das alles stimmt, lustig darüber zu hören war es aber allemal.
Wo Du gerade "Goddamnit!" ins Spiel bringst, wie kommt es dass "Goddamnit!" und "Maybe I'll Catch Fire" in Kürze via Kung Fu Records wiederveröffentlicht werden?

Derek: Ich spiele bei den VANDALS für ein, zwei Monate im Jahr Schlagzeug, um Josh Freese zu ersetzen. Joe Escalante, der Bassist von den VANDALS ist der Besitzer von Kung Fu Records. Er ist ein wirklich netter Typ und Mike Park von Asian Man Records ist einer unserer besten Freunde. Wir haben die beiden dann miteinander bekannt gemacht, und sie sind gute Freunde geworden. So kam es, dass die beiden Platten lizensiert und re- releast wurden bzw. werden. Generell denke ich, dass einige Asian Man Releases bald via Kung Fu neu aufgelegt werden, in Europa.
Ich war ein wenig überrascht, dass Ihr jetzt nach Europa kommt. Da "Good Mourning" ja relativ zeitgleich in den USA und Europa erscheint und Ihr sicher auch eine Menge andere Sachen in den USA zu tun habt. Wie wichtig ist Europa Euch generell?
Dan: Europa ist genauso wichtig, wie die USA. Ich denke nicht, dass es fair wäre, wenn wir einen bestimmten Teil der Welt bevorzugen würden. Wir finden es toll, wenn Leute unsere Musik mögen, ganz egal woher sie kommen. Wir sind sehr froh darüber, hierher kommen zu können und mit netten Leuten reden zu können und ein paar Shows zu spielen.
Matt: Es sind nur sehr wenige Shows, weil der Zeitplan bei uns sehr eng ist. Wir kamen eigentlich direkt aus dem Studio und sind gleich auf Tour gegangen, in den USA. Wir sind dann kurz nach Europa gekommen und gehen, wenn wir wieder in den USA sind, auf Tour um "Good Mourning" zu supporten. So schnell es geht, werden wir aber auch wieder in Europa zurück sein.
Dan: Ich denke, dass wir im August/ September wieder hier sein werden. Dann aber um eine richtige Tour zu spielen. Das macht uns verdammt glücklich, weil es noch sehr viele Länder und Städte gibt, die wir bis jetzt noch nicht gesehen haben. Wir haben ja eigentlich nur in Deutschland und England gespielt bis jetzt, und eine Show in Holland.
Was für ein Gefühl ist es denn hier heute Abend mit einer Menge anderer Bands aus Chicago zu spielen?
Dan: Es ist toll, sie sind alle Freunde von uns. Ich frühstücke zusammen mit Brandon von den LAWRENCE ARMS ca. fünf Mal die Woche. Ich war mal mit einem der LAWRENCE ARMS in einer Band, wir kennen uns alle, das ist cool. Wir sind ein halbes Mal um den Globus und spielen hier eine Show mit unseren Kumpels.
Wie ist es bei Euch mit dem Songwriting generell. Ich habe gelesen dass Du, Matt, die melancholischeren Stücke und Du, Dan, die fröhlicheren Stücke schreibst. Ist es so ein Zusammenspiel bei Euch?
Dan: Ich denke, dass wir eine Balance finden. Ich meine, wir sammeln unsere Inspirationen aus verschiedenen Quellen. Es ist interessant, wenn ich mir Stücke anhöre, habe ich meistens eine andere Interpretation als Matt. Manche Leute denken, Matt sieht Dinge sehr dunkel bis negativ, während ich positiver wäre. Wobei meine Ansichten auch oft nicht so fröhlich sind, wie sie sich vielleicht anhören. Ich finde, dass verschiedene Leute verschiedenes aus verschiedenen Stücken nehmen und das mag ich gerne.
War das ebenfalls ein Grund für den Titel "Good Mourning"?
Matt: Der Titel kam eher zufällig. Aber das ist, warum wir ihn nahmen. Er passt einfach und kam auch erst, nachdem die Stücke fertig waren. Es schien einfach, dass er ganz gut zu den Stücken und den Unterschieden zwischen meinen und Dan's Stücken passt. Ich denke, wir führen unterschiedliche Leben und wir schreiben über Dinge, die unser Leben natürlicher weise beeinflussen. So werden die Songs natürlich unterschiedlich. Ich denke, dass Dan es schon ziemlich gut getroffen hat. Viele Stücke auf dem Album, die dunkler klingen, gehen durch die Dimensionen. In jedem Stück ist ein kleiner Lichtschein, zumindest für mich.
Wie wichtig ist denn Euch der Teil des melancholischen/ dunklen Images?
Matt: Ich denke, dass kommt einfach daher, dass wir nicht wie eine 150 % Happy Band sind. Wir sind fröhliche Leute. Aber unsere Musik ist halt nicht so. Aber es gibt Bilder von uns in Magazinen, wo wir lachen. Es ist also auf keinen Fall so, dass wir sagen, "Hey, mach das Lachen von Deinem Gesicht weg- wir müssen jetzt ernst sein" oder so. Es kommt bei uns natürlich. Ein gefaktes Lächeln vor der Kamera- das ist doch Bullshit. Ich würde auch nicht unbedingt sagen, dass es ein Image ist. Es resultiert eigentlich nur aus unserem Hintergrund, wo wir herkommen und wie wir uns repräsentieren. Und in dieser Hinsicht sind wir alle sehr ehrlich. Es gibt keinen Klamottentausch oder so, außer für die Sachen, die wir jede Nacht auf der Bühne voll schwitzen, hehe. Wir machen alle das, was von alleine kommt. Keiner von uns gibt viel auf Images oder ähnliches.
Matt, Du hast eine Akkustik- Split mit Kevin von den 7 SECONDS gemacht, wie kam das Projekt bw. die Idee dazu zustande?
Matt: Ich und Kevin hatten schon Soloerfahrung gemacht. Ich habe eine Solotour gemacht und Kevin hatte auch eine Soloplatte gemacht. Mike Park hat uns einander vorgestellt und meinte, dass wir eine Split machen sollten, die er rausbringen wollte. Dann haben wir beide eigentlich nur noch zugesagt. Kevin ist ein sehr netter Kerl und ich bin ein großer 7 SECONDS Fan. Wir kennen uns zwar beide nicht so richtig gut, verstehen uns aber bestens. Mike Park war aber quasi dafür verantwortlich, dass diese Split zustande kam. Ich habe die Stücke auf der Split auch nur für den Zweck der Split geschrieben. Ich habe Schlagzeug, Bass, Akustik- Gitarre gespielt und gesungen. Ich würde sagen, die Stücke sind schon von Punkrock beeinflusst, aber auch folky. Wer weiß, wenn ich das nächste Mal was mache, könnte es etwas komplett anderes werden. Es ist nicht weit entfernt von ALKALINE TRIO, vielleicht nicht ganz so gut.
Macht Ihr die Sachen, die Ihr nebenbei macht, wie Derek bei den VANDALS und Matt Solo, weil Ihr Abwechslung braucht, oder kommt es eher zustande, wenn Ihr mal Zeit habt?
Matt: Wenn wir die Zeit haben. Dan hat auch eine Split mit unserem alten Drummer Mike- es sind alles Dinge, die aus Spaß entstanden. Wenn die VANDALS Derek brauchen, und er kann, dann macht er es. Wir machen alle Musik, weil wir Musik genießen und ich denke, dass ALKALINE TRIO Priorität für uns alle hat. Wir sind sehr beschäftigt, sodass wenig Zeit für andere Dinge bleibt. Deswegen ist es schön, wenn du mal von Tour nachhause kommst, einfach zu relaxen.
Um langsam zum Ende zu kommen: Wie wichtig ist Euch der Erfolg, den Ihr bis jetzt hattet und was erhofft Ihr mit dem neuen Album zu erreichen?
Matt: Ich denke, dass wir Erfolg schon haben. Ich meine, es ist weiter gekommen mit ALKALINE TRIO, als ich es je gedacht hätte. Wir sitzen hier in Deutschland, das hätte ich nie gedacht. Wir können live spielen und wir können im Studio mit tollen Leuten arbeiten, dass ist für mich schon großer Erfolg. Auf Verkaufszahlen bezogen, ich habe nichts dagegen Platten zu verkaufen. Aber für meinen Teil sind auch die Verkaufszahlen schon weit höher als ich mir je vorgestellt habe.
Und wie steht Ihr zum Majorvertriebsdeal von Vagrant mit Interscope bzw. Motor?
Matt: Für uns ist es nicht anders, als es war, als Vagrant den Deal noch nicht hatte. Wir arbeiten immer noch mit den gleichen Leuten zusammen. Wir haben immer noch das letzte Wort und wir haben immer noch kreative Freiheit. Es gab für uns mehr Möglichkeiten bei der Arbeit und, letzten Endes, ist Vagrant mit uns und wir mit Vagrant gewachsen. Der Deal läuft für uns wirklich gut und dafür geopfert haben wir nichts. Wir fühlen uns nach wie vor sehr wohl und sicher. ALKALINE TRIO hat auch keinen Vertrag mit Interscope unterschrieben oder so. Es ist sehr relaxt und wir arbeiten nach wie vor mit den Leuten, mit denen wir auch vorher gearbeitet haben.
Dan, Derek, Matt- das waren die Fragen- vielen Dank für Eure Zeit und das Interview! Kai Wydra, Tito Wiesner