Zwei Jahre hat es gedauert, bis die Marburger Todd Anderson jetzt ihre neue Platte "Zufluchtsort" veröffentlicht haben. Dabei fanden die Aufnahmen schon Anfang 2008 statt. Doch die Wartezeit hat sich gelohnt, denn "Zufluchtsort" ist ein wirklich gutes Hardcore-Album geworden, das sich vor allem sehr düster gibt. Um das Album zu veröffentlichen, haben drei der Band ein Label gegründet. Bevor es jetzt auf Tour geht haben wir noch mit Schlagzeuger Florian gesprochen.
"Zufluchtsort" habt Ihr schon vor einem guten Jahr eingespielt. Warum hat es so lange gedauert, bis sie jetzt erschienen ist?

Genau, im Mai letzten Jahres sind wir schon ins Studio. Mit dem Vorhaben, dass alles schneller gehen muss als bei der letzten Platte. Damals waren wir recht lange im Studio und auch der Mix hat lange gedauert. Dieses Mal waren wir nach 14 Tagen Studio komplett fertig. Dann lagen wir etwas auf der faulen Haut und haben das Material erst Mitte des Jahres an einige Labels geschickt. Da kam leider nicht die Resonanz zurück, die wir uns erhofft hatten.
Eigentlich solle das Album noch letztes Jahr erscheinen, so im November 2008 sind wir dann aber endgültig zu dem Schluss gekommen, dass wir das selber in die Hand geben sollten. Mit Andreas von Unterm Durchschnitt standen wir eh in Kontakt und haben uns mit ihm recht schnell geeinigt, dass wir Papership als Sublabel von Unterm Durchschnitt aufziehen.
Wenn die Resonanz der Labels nicht Euren Erwartungen entsprach: was waren Eure Erwartungen?
Vorher haben wir mit My Favourite Toy zusammengearbeitet. Da hat sich irgendwann abgezeichnet, dass Dirk von My Favourite Toy nicht mehr so viel machen wollte und wir eh schon recht viel selber für uns gemacht hatten. Wir wollten kein großes Label, aber eines, das beispielsweise einen vernünftigen Vertriebsweg hat. Es gab nicht viel Resonanz. Aber was kam, entsprach von der Art der Labels nicht unseren Vorstellungen. Ein Label ohne Vertrieb etwa nutzt uns unserer Meinung nach nicht viel.
Kam während der Labelsuche der Gedanke auf, alles hinzuschmeißen?
Komischerweise gar nicht, da wir seitdem wir an der Platte gearbeitet haben richtig zufrieden damit waren. Wir finden "Zufluchtsort" selber auch viel besser als "Wenn die Botenstoffe streiken" und wussten nicht, warum die Platte außer uns niemand gut finden sollte. Wir wissen auch, dass unsere Musik nicht so gängig ist und das vielleicht auch manche Labels abgeschreckt hat.
Meinst Du, dass Eure Musik zu speziell ist, einfach weil es Hardcore ist. Oder findest Du, dass es im Kontext Hardcore noch einmal etwas Spezielles ist?
Klar ist es speziell, weil es Hardcore ist. Aber dafür gibt es genug Labels. Ich glaube schon, dass wir nicht so einen gängigen Stil spielen und das vielleicht oft nicht so einfach zu verdauen ist. Ob das nun an den Texten liegt oder daran, dass die Songs eher lang sind... Auf jeden Fall ist es nichts, was ein großes Label nehmen würde um damit viel Geld zu verdienen - worum es uns natürlich auch nicht geht. Es gibt sicher auch viele Leute, die unsere Musik doof finden, vielleicht muss man dafür wirklich ein Faible haben.
Ich würde Dir da prinzipiell sogar zustimmen. In dem Zusammenhang würde mich dann interessieren, wie Ihr Eure Entwicklung innerhalb der Szene seit der letzen Platte seht. Schon Euer letztes Album hat gute Rezensionen bekommen, aber danach wart Ihr im Gegensatz zu anderen Bands überhaupt nicht mehr präsent.
Das finden wir auch etwas merkwürdig und diskutieren das in der Band auch. Generell sind wir mit unserer Entwicklung in den letzten zwei Jahren recht unzufrieden. Wie Du schon gesagt hast, waren die Reviews zur letzten Platte gut, aber darüber hinaus ist nicht so viel passiert. Das hat aber auch mit uns zu tun, da einige Dinge passiert sind, die nicht so geplant waren und wir bandintern Querelen hatten. Ich denke aber auch, dass wir nicht so wahrgenommen werden - woran das liegt, wissen wir das auch nicht.
Was für Querelen gab es denn bei Euch?

Wir hatten ein Zeitproblem, aber unser Bassist Alex ist für ein paar Monate ausgestiegen, woraufhin wir fast schon jemand Neues gesucht haben. Dann hat es aber zum Glück doch noch mit Alex geklappt. Das war schon ein seltsamer Moment, da wir die Band ins Leben gerufen hat und wir alle noch weitermachen wollten. Deshalb konnten wir auch einige Konzerte nicht spielen. Seit wir dann aber im Mai 2008 im Studio waren, ziehen wir alle wieder an einem Strang.
Sag noch einmal etwas zu der Label-Lösung. Was genau macht Unterm Durchschnitt?
Unterm Durchschnitt stellt uns seine Vertriebswege zur Verfügung. Andreas hilft uns außerdem bei der Promo und gibt uns sonstige Tipps, beispielsweise in Bezug auf die Pressung der CD. Er hat da auch mit dem Presswerk verhandelt.
Ist Papership nur ein Label für Euch oder wollt Ihr auch andere Bands aufnehmen?
Papership ist ja nicht das Label unserer Band. Es sind nur drei von uns und dazu noch ein Freund. Es soll also schon wirklich ein Label sein. Vielleicht auch für Bands, die bei Unterm Durchschnitt nicht optimal reinpassen. Konkret haben wir ein weiteres Release im Auge. Dazu kann ich aber noch nicht viel sagen. Es wird in jedem Fall eine Band sein, die anders ist als Todd Anderson. Es wird aber nicht so werden, dass wir fünf Bands aufnehmen. Letztlich machen wir das ja alle nebenbei.
Dann sprechen wir mal über "Zufluchtsort". Wie sehr Ihr als Band selbst die Entwicklung vom letzten Album?
Wir haben die besten Momente der letzten Platte aufgegriffen und knüpfen daran an. Ich denke, die Platte hat eher einen roten Faden. Das ist aber auch ein normales Ergebnis, denn das letzte Album war im Prinzip eine Sammlung all unserer Songs, die wir bis dahin hatten. Außerdem ist Thomas (Gitarre) jetzt voll dabei gewesen und hat die Platte auch mit geschrieben. Gerade die sphärischen Momente stammen oft von ihm. Wir sind einfach näher an dem, was wir machen wollten. Wir mögen die Platte aber in jedem Fall lieber als die alte. Sie ist einfach runder.
Steht hinter dem Album denn ein Konzept? Insgesamt wirkt alles düster, vom Artwork bis zu den Texten.
Ein richtiges Konzept steckt nicht dahinter. Wir haben gemerkt, dass uns düstere Songs mehr Spaß machen als - ich nenne es jetzt mal so - Haudrauf-Songs. Im Nachhinein haben wir erst festgestellt, dass die Songs nicht nur musikalisch zusammenpassen, sondern sich auch eine Thematik durch die Band gezogen hat, was dann eben in den Texten zum Tragen kommt. "Zufluchtsort" ist ein Wort aus einem der Texte. Im Prinzip handelt aber jeder Text von einem Zufluchtsort. "Waldtal" beispielsweise handelt von einem Stadtteil in Marburg, der als sozialer Brennpunkt gilt. Unser Sänger Marco hat sich dort vor Jahren eine Wohnung angeschaut und war praktisch auf der Suche nach einem Zufluchtsort. Es gibt Parallelen, die zusammenpassen - und letztlich ist die Band für uns ein Zufluchtsort, weshalb ich mit dem Titel sehr zufrieden bin. Aber bei der Aufnahme hatten wir nur den Anspruch, eine rundere, düstere Platte zu schreiben.
Dieses Mal habt Ihr Erklärungen zu den Texten im Booklet. Die zum Song "Bernstein" fehlt allerdings. Hat das einen Grund?
Das ist einfach ein Versäumnis. Die Erklärungen wollten wir, um zu den Songs noch weitere Gedanken zu liefern und den Kontext klarer zu machen. Bei "Waldtal" beispielsweise weiß man ja nicht, dass es um einen Stadtteil geht, wenn man nicht gerade aus Marburg kommt. "Nest" ist uns allen ziemlich wichtig, daher war uns auch die Erklärung wichtig. "Bernstein" wurde dann vergessen, weil auf einmal alles sehr schnell gehen musste - vielleicht liefern wir die Erklärung noch nach.
"Nest" ist Euch allen wichtig - seid Ihr alles Scheidungskinder? Denn um zerbrechende Familien geht es in dem Song ja.

"Nest" hat Marco als einzigen Song nicht alleine geschrieben, sondern mit unserem Gitarristen Daniel zusammen. Es ist auch der erste Text überhaupt, den Marco nicht alleine geschrieben hat.
Bei mir ist es tatsächlich so, dass sich meine Eltern noch getrennt haben, als ich schon erwachsen war. Bei Daniel war es ebenso und bis auf Alex sind wir mittlerweile alle Scheidungskinder. Meiner Meinung nach kann einen so etwas auch treffen, wenn man nicht 6 sondern 26 Jahre alt ist und dann sogar bewusster mitbekommt, wie Eltern miteinander umgehen und das eigene Zuhause auseinanderbricht. Daher ist uns der Text so wichtig, denn er spiegelt von jedem von uns ein Stück Realität wider.
Eure Release-Show liegt schon hinter Euch. Wie wurden die Songs dort aufgenommen?
Wir haben auf der Release-Show die komplette Platte durchgespielt und damit auch zum ersten Mal alle Songs live gespielt. Wir hatten etwas Angst davor, neun Songs zu spielen, die keiner kennt. Aber es hat super geklappt. Bei den kommenden Shows werden wir natürlich nicht immer das Album komplett spielen.
Was sind Eure Pläne für die nähere Zukunft?
Jetzt folgt die Tour und auch im Sommer wollen wir noch richtig viel spielen. Wir sind natürlich auch auf die weiteren Reaktionen auf die Platte gespannt und - aus Label-Sicht - auch neugierig, wie sie sich verkauft. Und dann denken wir tatsächlich schon über das nächste Album nach. Das setzt aber voraus, dass "Zufluchtsort" und auch die Band Resonanz bekommen. Denn ansonsten ist wohl wirklich irgendwann der Punkt erreicht, wo sich die Band nicht mehr auf dem Niveau weiter betreiben lässt, auf dem wir das Ganze gerne machen möchten. Aber das glauben wir alle nicht.
Julius Stiebert