Gainsville veränderte ihr Leben, schweißte sie zusammen und formte eine Einheit, die es mit der ganzen Welt aufnehmen würde, vorausgesetzt es passt in ihren Terminkalender. Ladies and Gentlemen, welcome aboard Gainsville flight 1994 to Hamburg. Please fasten your seat belts and stop smoking. We are now ready for take off!
Heute Abend ist Tourauftakt in Hamburg. Eure „Europa Tour“ umfasst allerdings nur Daten in Deutschland. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Chuck: Ganz ehrlich, wir lieben Deutschland…deswegen spielen wir nur hier! (lacht)
Wir wollten erst mehrere Shows spielen, deswegen haben wir die Tour anfangs auch „Europa Tour“ getauft. Letztendlich haben wir es dann aus zeitlichen Gründen nicht mehr geschafft, die Tour auszubauen. Wir haben inzwischen auch das Alter erreicht, um alles etwas ruhiger angehen zu lassen. Dann gibt es da auch noch unsere zahlreichen Nebenprojekte: Mein Soloprojekt, Jason mit Senses Fail, George mit Against Me! und Chris mit Chris Wollard and the Ship Thieves. Aber Deutschland passt immer in unseren Terminplan!
Chris: Es ist bei uns wirklich schwer, eine längere Tour mit Hot Water zu organisieren. Ich bin nach den Deutschlanddaten gleich im Anschluss mit The Ship Thieves unterwegs. Insgesamt 4 Wochen, dabei sind England, Österreich, Belgien, Niederlande, aber auch wieder Deutschland. (lacht)
Chuck: Aber für ein paar Shows in Deutschland hat die Zeit gereicht. Nun sind wir hier, nur für euch!
Was waren eure ersten Gedanken, als das Flugzeug Richtung Deutschland los flog?
Chris: „Why is this flight so fucking long!” (alle lachen) Muss ich an Bord für Bier bezahlen oder bekomme ich es umsonst?!?
Chuck: Für mich ist so eine Reise nach Europa immer mit Stress verbunden…die Vorbereitungen machen mich verrückt, packen und sowas…Ich kann mich erst im Flugzeug zurücklehnen und den Flug antreten, wenn ich weiß, dass wir auch wirklich alles an Bord haben! Dann denke ich mir immer nur noch: „We made it!“ Ab dem Zeitpunkt fange ich an, den ganzen Trip zu genießen und es kann losgehen.
Chris: Wenn dann noch was fehlt, ist es eh zu spät! (lacht)
Chuck: Auf jeden Fall war der Flugzeugstart auch mit viel Freude verbunden! Weißt du, wir kommen seit so vielen Jahren nach Deutschland und in dieser Zeit haben wir eine Menge netter Menschen kennengelernt, die seit jeher zu unseren Freunden gehören. Es ist eine vertraute Umgebung und es fühlt sich gut an, wieder hier zu sein!
Chris: Das stimmt!
Chuck: Mit Hot Water unterwegs zu sein, ist auch wieder sehr belebend.
Chris: Total! Wie gesagt, wir haben aufgrund der Nebenprojekte sehr wenig Zeit, uns zu sehen. Wenn wir dann aber die Möglichkeit haben, alle Mann zusammen zu kriegen, genießen wir die Zeit, die wir zusammen haben viel intensiver als früher.
Wie ihr beide es bereits erwähnt habt, spielt ihr alle in unterschiedlichen Nebenprojekten. Die Erfahrungen, die ihr dort sammeln konntet, haben die heutigen Hot Water Music sicher in gewisser Art und Weise beeinflusst oder?
Chuck: Da kann ich dir zustimmen. Alle anderen Bands, Soloprojekte oder Leute, mit denen wir Musik gemacht haben, haben uns geprägt bzw. beeinflusst.
Chris: In diesem Zusammenhang lernt man wirklich sehr viel über sein eigenes Instrument oder die Herangehensweise an Songstrukturen. Wir haben mit Hot Water viele, viele, viele Platten veröffentlicht. In dieser Zeit ist zwischen uns Vieren ein bestimmter Sound entstanden. Damit meine ich die Art zu arbeiten und Songs zu schreiben. Letztendlich wurde es zur Gewohnheit. Diese Gewohnheit, Sachen zu bearbeiten oder anzugehen, war typisch für unseren Sound, es war unsere Art damit umzugehen.
Wenn du dann mit anderen Leuten zusammen arbeitest, ist es auf einmal jemand anderes der sagt, lass uns diesen Teil weiter verfolgen. Jede Person hört bzw. versteht einen Song auf eine andere Art und Weise. Diese verschiedenen Betrachtungsweisen verhelfen dir dazu, die Musik aus unterschiedlichen Perspektiven zu sehen.
Chuck: Genau.
Chris: Unsere verschiedenen Projekte helfen uns aus dieser „black box“ zu kommen, in die wir uns mit Hot Water damals selber gesteckt haben.
Chuck: Diese vielfältigen Erfahrungen haben unser Songwriting verändert. Aber auch das Touren…Letzten Endes lassen sich in allen Bereichen Veränderungen bemerken.
Habt ihr jemals in Betracht gezogen ein „Hot Water Music/ The Draft/ Chuck Ragan/ Against Me!/ Senses Fail and the ship thieves” Konzert zu geben? Sozusagen ein kleines „Familien Festival“…
(beide lachen)
Chris: Das wäre ein langer Tag und was für ein Festival! Lustig wäre es schon, aber wir hätten wieder das Problem mit der Zeit und für mich reicht ein Gig am Abend absolut, dann bin ich fertig!
Chuck: Wir würden garantiert über 10 Stunden spielen! Ha!
Hot Water gibt es mit Spielpausen und Reunions seit 15 Jahren. In dieser Zeit musstet ihr niemals einen von euch ersetzen. Was macht eure Konstellation so unzerbrechlich?
Gibt es eine Philosophie hinter eurem „Hot Water“-Bündnis?
Chris: Es ist was es ist! Wir sind eine Familie!
Chuck: Damals…ganz am Anfang, sollten es ja nicht die Vier sein, die wir heute sind. Wir kamen aus unterschiedlichen Bands, die nach Gainsville gezogen sind, um nach anderen Bandmitgliedern zu suchen. Nach langem hin und her waren wir aus allen Bands die Letzten, die schließlich übrig geblieben sind! Es entstand sofort dieses „Wir-Gefühl“! Wir vier und kein anderer!
Chris: Wir kannten auch niemanden in der Stadt. Nicht einer mochte unsere Musik, geschweige denn unsere Shows! Wir alleine gegen die ganze Welt! Keiner hat uns verstanden und wir dachten nur: „Fuck everybody!“…Sowas schweißt schon sehr zusammen!
Chuck: In diesen Tagen hat sich so ein enger Pakt zwischen uns geformt! Nichts hätte uns trennen können! Nichts hätte uns aufhalten können! Wir haben unsere Karten auf dieses eine Ziel gesetzt und wir haben gewonnen! Jackpot!
Chris: Dieser Pakt ist heute noch genau so stark wie früher!
Warum hat es euch damals dann überhaupt nach Gainsville gezogen?
Chris: Wir lebten im Süden und es ist nicht wirklich die Gegend, die du als kulturelles Mekka bezeichnen würdest, überall leben nur Rentner! (lacht)
Damals fing alles mit No Idea Records an, welches zu der Zeit noch ein Fanzine war. No Idea begann irgendwann damit 7inches von lokalen Bands in Florida zu verteilen. Die Leute dachten einfach nur: „Holy Shit! Da gibt es wirklich Leute, die sich einsetzen und lokale Bands unterstützen!“ Letztendlich entwickelte sich ein Schneeballeffekt! Aus allen Städten Floridas kamen die Bands oder Musiker auf Bandsuche nach Gainsville, weil es hier dieses kleine Fanzine/ Label gab.
Chuck: Außerdem ist Gainsville auch eine große „College Town“.
Chris: Stimmt, da gibt es mit die größten Schulen in den Staaten.
Chuck: Die Leute kommen aus den gesamten Staaten, aus aller Welt, dorthin. Gainsville ist durch einen ständigen Wechsel geprägt. Menschen kommen und gehen, sie sind da und gleich wieder weg!
In Gainsville kannst du die besten Bands der Welt finden. Du wirst aber wahrscheinlich nicht in die Lage kommen, sie zu hören. Sie existieren nur ein paar Wochen, haben ein paar Songs im Repertoire, im seltensten Fall eine ganze Platte und sind so schnell wieder verschwunden, wie sie zusammen gekommen sind.
Chris: Der Großteil der Einwohner in Gainsville spielt sowieso in drei bis vier Bands gleichzeitig! Jeder spielt mit jedem! Echt verrückt!
Warte mal, wie hieß der Typ nochmal…(überlegt)…Ich glaube sein Name war Matt Swedding oder so ähnlich, der Kerl hat auf dem Festival „The Fest“ 6 Shows mit 6 verschiedenen Bands gehabt! (lacht)
Chuck: Das waren damals die Gründe, weshalb es uns separat nach Gainsville gezogen hat.
Was habt ihr für das nächste Jahr geplant?
Chris: Wir würden gerne wieder ins Studio gehen, aber hier gibt es wieder das gleiche Problem wie mit den Shows. Die Entfernung zwischen unseren Heimatorten. Ich und George wohnen noch in Gainsville, Chuck in Kalifornien und Jason in Louisiana. Dann kommen noch die anderen Bands dazu und und und…
Chuck: Wir wissen noch nicht wann, aber es kommt auf jeden Fall etwas… (lacht)
Daniel Hotopp
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