Alkaline Trio


Schneller, eingängiger und auch mal mit Trompeten-Solo: das neue Alkaline Trio-Album "This addiction" klingt auf den ersten Blick so positiv wie schon lange keine Platte des Trios mehr. Der erste Blick täuscht aber, wie schon so oft bei dieser Band - ein wie gewohnt sehr angenehmes Gespräch mit Dan gibt einen guten Einbick in die Entstehungsgeschichte des Albums.

Dan, mal wieder seid Ihr auf Promo-Reise - neue Platte, neue Interviews. Geht Dir das nach all den Jahren nicht ziemlich auf die Nerven?

Nein, überhaupt nicht. Klar, es gibt Tage, an denen wir müde sind und am liebsten unsere Ruhe hätten. Aber wir wissen eben auch ganz genau, dass wir einfach verdammt viel Glück haben, dass sich überhaupt jemand für uns interessiert. Insofern geben wir gerne all diese Interviews. Wenn wir in den letzten Jahren etwas gelernt haben, dann das, dass man nichts für selbstverständlich nehmen, sondern alles wirklich schätzen sollte.

Haben sich die Interviews über die letzten Jahre denn verändert - zum Beispiel durch die allgegenwärtige Krise der Musikindustrie?

Ja, eben zu dieser Krise werden häufig Fragen gestellt, das war natürlich früher nicht so der Fall.

Hat sich denn für euch durch diese Krise etwas geändert?

Ja. Der Niedergang der Plattenfirmen hat uns gezeigt, dass es diesmal wohl am besten wäre, alles in Eigenregie zu machen. Also haben wir Heart & Skull Records ins Leben gerufen und sind komplett ohne Druck ins Studio gegangen, haben uns von keinem reinreden lassen und einfach die Platte gemacht, die wir machen wollten.

Wobei ich mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen kann, dass Ihr in der Vergangenheit auf das Rücksicht genommen habt, was die Plattenfirma wollte....

Nein, natürlich haben wir uns nicht reinreden lassen. Es macht trotzdem einen Unterschied, ob da draußen jemand wartet und nachfragt, wann denn die Platte fertig ist, was man als Single nehmen könnte - oder ob Du ganz einfach dein Ding machst und es Dir völlig egal sein kann, was andere Leute sagen, so wie es diesmal bei uns der Fall war. Außerdem hatten wir damals natürlich auch bei Epic unterschrieben, weil wir dachten, dass wir dadurch größer werden würden und mehr Leute unsere Musik hören würden. Das hat aber nicht geklappt, weil Epic sich überhaupt nicht gekümmert hat.

Ist das so? Ich dachte Agony & Irony war zumindest in den USA Euer größter Charterfolg bisher?

Naja, wie man es nimmt. Es stimmt schon, wir sind zur Veröffentlichung auf Platz 13 der Billboard Charts eingestiegen, so hoch wie nie zuvor. Allerdings kümmerte man sich danach bei Epic nicht mehr um uns, wir schienen denen völlig egal zu sein. Ein Label muss aber kontinuierlich für Dich arbeiten, sonst kann man es auch ganz lassen. Ich hab ehrlich gesagt nie so richtig verstanden, wie so große Plattenfirmen funktionieren. Und insofern war es für beide Seiten wohl das beste, dass wir uns getrennt haben.

Jetzt arbeitet Ihr ja mit Epitaph in den USA und Hassle in Europa zusammen.


Ja, beide Labels helfen uns bei Vertrieb und Promotion. Wir kennen beide sehr gut und schätzen sehr, was sie tun.

Aber warum die Aufteilung? Wäre Epitaph zum Beispiel nicht groß genug, um auch in Europa zuständig zu sein?

Wahrscheinlich schon. Aber da spielen dann wiederum persönliche Gründe eine Rolle. Wir sind so eng mit den Leuten bei Hassle befreundet, dass wir definitiv auch mit ihnen zusammenarbeiten wollten.

Dann lass uns jetzt mal ein bisschen über This Addiction reden. Mein erster Höreindruck - bevor ich mir die Texte genauer angeschaut habe - war, dass das wohl Eure positivste und lebensbejahendste Platte seit langem ist.

Ja, das kann ich verstehen. Die Platte ist vom Songwriting sehr einfacher gehalten, sehr upbeat, fast schon teils klassischer Punkrock, das klingt erstmal positiver. Zumindest, bis man die Texte hört.

Eben. Und ich finde - auch wenn dieser Gegensatz ja für Euch typisch ist - dass der Kontrast zwischen Musik und Texten noch nie so deutlich war wie hier.

Ja, das mag sein. Klar, wir schätzen einfach diese Spiele, wie damals einen Song "Good Mourning" zu nennen und die Leute erst beim genauen Hinhören darauf zu stoßen, dass das alles gar nicht so fröhlich ist, wie es klingt. Aber vielleicht ist dieser Gegensatz diesmal wirklich gröeßr als je zuvor.

Was ja unter anderem daran liegen könnte, dass die letzten Jahre soweit ich weiß für Euch alles andere als einfach waren. Ohne da jetzt zu sehr ins Detail zu gehen: Hat es dem Songwriting-Prozess vielleicht geholfen und ihn beschleunigt, dass ihr so viele Hiobsbotschjaften zu verarbeiten hattet?

Wahrscheinlich schon. Alkaline Trio waren schon immer eine dieser Bands, für die die Musik definitiv eine Katharsis ist. Und dadurch dass es diesmal wirklich viele persönliche Katastrophen zu verarbeiten gab, ist das Songschreiben vielleicht wirklich einfacher gefallen.

Ihr habt die Platte ja "This Addiction" genannt - genauso heißt auch der erste Song, zudem soll das Ganze ein bisschen das übergreifende Thema der Platte sein.

Richtig. In dem Song geht es darum, dass Drogensucht und Beziehungen durchaus ähnlich sind, Heroin eine gute Metapher für Liebe ist. Es gibt Beziehungen, in denen weiß man nicht, ob es sich wirklich noch um Liebe handelt, oder nur noch eine Abhängigkeit vorliegt. Man kann nicht mehr ohne diese Droge, aber auch mit ihr geht es einem schlecht. Und man leidet unter schlimmen Krämpfen und Entzugserscheinungen, wenn sie weg ist.

Andere Songs sind da direkter und deutlicher - "An American Scream" ewa, in dem es um einen US-Soldaten geht, der aus Afghanistan zurückkommt und sich auf dem Grab seiner Mutter erschießt. Angeblich hat Matt diese Story in der Zeitung gelesen und sofort als Grundlage für einen Song genommen, obwohl ihrja normalerweise politische Themen meidet.

Ja, was aber nicht daran liegt, dass wir keine politische Meinung hätten. Jeder, der seine Umwelt bewusst wahrnimmt, muss eigentlich eine Meinung haben. Allerdings fühlen wir uns oft nicht wohl, darüber zu schreiben. Wir sind in vielerlei Hinsicht auch nicht politisch gebildet genug, um Texte in diese Richtung zu schreiben, mit denen wir dann auch völlig zufrieden wären. Deshalb handeln die Texte bei uns meist vom persönlichen Umfeld, weil wir da einen direkteren bezug zu haben. An American Scream mag eine Ausnahme sein, allerdings muss man da auch nicht zu viel Hintergrundinformationen zu haben - es ist einfach eine tragische Geschichte, dass Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, in kriege geschickt werden, mit diesen Erfahrungen nicht umgehen können und schlimmstenfalls ums Leben kommen. Ich glaube auch, dass das eine unser bester Songs auf der Platte ist.

Ein anderer Song, der raussticht, ist "Lead posioning" - einerseits, weil es ein wunderbarer Ohrwurm ist, andererseits, weil da ein Trompeten-Solo zu hören ist. Wie kam es dazu?

Der Song war der letzte, den wir für die Platte aufgenommen haben - und als er fertig war, hatten wir da eben noch diese Bridge, bei der wir das Gefühl hatten, dass da noch etwas fehlt. Und dann erinnerten wir uns eben an einen alten Kumpel, der Trompete spielt, luden den ein - und da wir mit dem Endergebnis alle zufrieden waren, haben wir es dann auch so umgesetzt.

Abgesehen davon gibt es diesmal ja relativ wenige Experimente - bei "Eating Alive" nochmal ein paar Synthie-Klänge, aber keine Pianos, langen Intros oder manch anderes, was ihr die letzten Jahre so probiert habt.

Das stimmt - und kommt eben auch daher, dass wir die Platte ein bisschen so aufgenommen haben, wie es zu Beginn der Band der Fall war. Ganz einfach, ganz roh, im alten Studio, in Live-Atmosphäre. In den letzten Jahren haben wir eben auch viel mit Studio-Equipment und verschiedenen Produktionsmöglichkeiten rumexperimentiert, und immer dann, wenn wir das Gefühl hatten, dass da noch etwas fehlt, sowas in die Songs eingebaut. Nur fehlte uns diesmal eben nichts, die Platte sollte wieder etwas eimnfacher klingen, problemlos live funktionieren, und ich glaube das steht den Songs extrem gut.

In nächster Zeit verbringt Ihr ja wieder viel Zeit mit Euren anderen Projekten: Matt macht eine Solo-Platte bei Asian Man, Du bringst ebenfalls ein neues Album raus. Werden Alkaline Trio dadurch leiden, wird es zum beispiel weniger Touren geben?

Nein, auf keinen Fall. Wir alle drei in der Band sind riesige Musikfans, die ständig neue Sachen hören und ausprobieren wollen, daher auch unsere ganzen Nebenprojekte - weil wir hier sachen machen, die einfach nicht in den Kontext von Alkaline Trio passen. Die Band hat aber noch nie darunter gelitten und wird das auch in Zukunft nicht tun. Im Mai werden wir wieder in Deutschland unterwegs sein, und auch sonst wird man weiter viel von uns hören.

Das klingt gut. Noch etwas, das ihr loswerden wollt?

ja, danke an jeden, der das hier liest. Wir wissen, dass wir nicht die größte Band der Welt sind, aber dass wir eine sehr treue Anhängerschaar haben, der wir viel verdanken - und über die wir extrem dankbar sind. Danke dafür!

Tito Wiesner



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