Die kalifornische Punkrockszene ist untrennbar mit Youth Brigade verbunden - seit Anfang der Achtziger Jahre sind die Band und ihr Label BYO ganz vorne mit dabei, in all den Jahren hat man immer die DIY-Fahne hoch gehalten und alles für die Szene getan. Kürzlich erschien mit "Let Them Know" eine umfassende Band- und Szene-History, die neben CD und DVD auch ein toll aufgemachtes Buch enthält. Wir sprachen mit Shawn über das Mammutwerk und die fast 30 Jahre Bandgeschichte.
Ihr seid jetzt seit fast 30 Jahren dabei - macht es euch nicht auch manchmal Angst, wie schnell die Zeit vergeht?
Ja, es ist schon verrückt, dass es uns jetzt schon so lange gibt. Als ich um die 20 war hätte ich nie gedacht, dass ich mit 30 noch Punkrock spielen würde, und jetzt bin ich letzten Mai 50 geworden und immer noch dabei. Ich weiß auch noch genau wie langsam die Zeit verging als ich jung war. Und rennt die Zeit und ich kann mich kaum an irgendwas erinnern. So ist das wohl, wenn man alt wird....
Ihr habt jetzt mit "Let Them Know" ja ein ganz spezielles Release zum Jubiläum rausgebracht. Wann hattet Ihr die Idee dazu?

Mark und ich waren der Meinung, dass wir irgendwas zum 25-jährigen Jubiläum machen sollten, und da wir das Label BYO einst mit einer Compilation begründeten - Someone Got Their Head Kicked In! - wollten wir auch diesmal was ähnliches machen. Wir wussten aber, dass es mehr sein sollte als nur eine CD. Zudem hatten wir das Gefühl, dass viele Bücher und Filme, die in den letzten 15 Jahren die Geschichte des Punkrock erzählten, Süd-Kalifornien dabei kaum berücksichtigten. Also dachten wir uns - warum erzählen wir nicht einfach diese Geschichte, wir waren ja schließlich dabei. Und da Filme und Musik heutzutage ja vor allem runtergeladen werden, dachten wir: Ergänzen wir Film und Musik doch einfach durch ein schönes Buch mit Geschichten und vielen Fotos. Es sollte halt einfach etwas wirklich besodneres werden, und ich habe das Gefühl, dass uns das auch gelungen ist.
Gab es während der Arbeiten an dem Werk denn Änderungen am Konzept?
Naja, wir fingen ja wie gesagt 2005 damit an - das 25-jährige Jubiläum war 2007. Nichtsdestotrotz brauchten wir natürlich länger, weil es so eine große Sache wurde. Im Grunde wurde alles zum 27. Jubiläum fertig. Mein Bruder Mark und ich kümmerten uns größtenteils ums Buch, unser jüngster Bruder Jamie half auch mit - allein das dauerte über ein Jahr. Jeff und Ryan, die den Film machten, brauchten auch zwei Jahre. Das war überhaupt das größte Projekt, das wir je realisiert haben. Und dann erscheint das Ganze auch noch rechtzeitig zur größten Wirtschftskrise der letzten 70 Jahre - was für ein Timing!
Dafür sind Look & Feel ja wirklich großartig geworden - und vielleicht ja wirklich für Leute, die heutzutage kaum noch physische Platten kaufen sondern alles runterladen, ein gutes Argument, mal wieder eine Ausnahme zu machen.....
Genau! Ich weiß nicht komplett wie erfolgreich wir waren, aber wir haben zum Beispiel 5.000 LPs pressen lassen und nur noch ein paar hundert sind übrig. Es gibt zudem ja auch eine Version ohne LPs - die ist kleiner und kostet nur die Hälfte. Von der Variante sind auch noch einige da. Insgesamt glaube ich, dass junge und alte Käufer hier genug rausziehen käönnen - entweder finden sie viele wertvolle Erinnerungen wieder, oder sie lernen erstmals Dinge über die Zeit damals. Das war ja auch unser Ziel - die Geschichte für jeden erzählen, ohne dass man jung oder alt oder unbedingt Punkrocker sein muss.
Was war denn so rückblickend betrachtet das Schwierigste am Aufschreiben Eurer Geschichte?
Der Streit mit meinen Brüdern, was nun wirklich passiert ist und was nicht. Geschichte liegt immer im Auge des Betrachters, und manchmal ist es schwer sich an alle Details zu erinnern. Wir mussten also immer wieder unsere Geschichten vergleichen und dann Freunde anmailen und fragen, ob das wirklich so war wie wir uns dran erinnerten. Das war allerdings wiederum auch eine gute Erfahrung - so kamen wir wieder in Kontakt mit Leuten, von denen wir jahrelang nichts gehört hatten.
Und nachdem Ihr zurückgeschaut hattet - gab es da das Gefühl, dass irgendeine Lebensphase besser war als die andere und ihr gerne zurück in der Zeit reisen würdet?
Nein. Das beste an unserer Geschichte ist für mich, dass wir schon so lange das machen können, was wir lieben - Musik spielen, touren und so viele Leute auf der ganzen Welt kennen lernen. Das genießen wir noch heute jeden Tag.
Aber es gibt doch bestimmt Unterschiede zwischen der Punkrock-Szene, die ihr heute erlebt, und der von vor 10 oder 20 Jahren - oder?
Ich weiß nicht. Würde mir das Ganze keionen Spaß mehr machen, würde ich ja sofort aufhören. Ich werde ja oft gefragt, ob ich bestimmte Zeitphasen miteinander vergleichen kann, aber ich beschäftige mich damit nicht so sehr, weil ich das Drumherum ja eh kaum beeinflussen kann. Letztens war ich zum Beispiel bei der Frontier Records 30 year Anniversary Show. Es war supervoll, da waren so viele alte Freunde, und wir redeten viel über die alten Zeiten. Über gute Kumpels, über Leute, die viel zu früh verstorben sind, und so weiter. Gleichzeitig waren aber auch so viele Kids da - high school/college kids, die im Pit waren und Adolescents oder TSOL abfeierten, also Bands, die es schon gab als sie noch gar nicht geboren waren. Natürlich hat die Punkrock-Szene immer wieder Hochs und Tiefs, aber so lange immer wieder neue Leute nachkommen, wird sie auch immer überleben.
Ihn Eurem Buch betont Ihr ja auch immer wieder: "Youth” is an attitude, not an age". Stimmt natürlich - aber gibt es nicht trotzdem Tage, an denen man sein Alter fühlt? Ist es mit 50 immer noch großer Spaß, ständig auf Tour zu sein?
Ja, absolut. Überleg mal - wir können jeden Tag eine andere Stadt sehen, überall tolle Leute treffen und mit Freunden abhängen, mit Leuten feiern die zu unseren Shows kommen und mitsingen. Das ist eine sehr aufregende Art, sein Leben zu führen, und ich bin dankbar dafür, dass wir das schon so lange können.
Du hast ja eingangs schon erwähnt, dass Ihr immer das Gefühl hattet, L.A. und Umgebung würden in den ganzen Punkrock-Büchern und Filmen kaum eine Rolle spielen. Woran liegt das Eurer Meinung nach?

Naja, ich will gar nichts gegen die NY- und UK-Szene sagen, da die natürlich auch für uns riesig wichtig waren. Aber wir waren größtententeils eine DIY-Szene. Die meisten von uns dachten nie darüber nach, bei einem Major zu unterschreiben oder Rockstars zu werden. Wir hatten etwas zu sagen, waren wütend, und drückten das in unseren Shows, unserer Musik und unseren Platten aus. Wir waren und blieben Underground, weil wir gar nicht nach etwas anderem gesucht haben. Zumindest in den Achtzigern. In den Neunzigern wurde dann vieles größer - aber viele Labels blieben independent und sind auch immer noch dabei.
Ihr tourt ja jetzt mal wieder durch Europa. Was erwartet ihr?
Ich habe gelernt dass es am besten ist, nichts zu erwarten - dann ist man auch nicht enttäuscht. Wir hatten immer viel Spaß in Europa, ich hoffe einfach die Leute kommen zu unseren Shows, schauen den Film, und haben einen oder auch fünf Drinks mit uns und so viel Spaß wie möglich.
Welche Bands hörst Du Dir selber im Moment eigentlich an?
Ach, so vieles. Von Jimi Hendrix über Nick Drake, Leonard Cohen, Morhpine bis zu Massive Attack. Alten Punkrock wie Clash, Jam, Stranglers, Buzzcocks, Angelic Upstarts, Sham 69, Cockney Rejects. Ich liebe auch immer noch Minor Threat und alte Misfits, und die ganzen Bands mit denen wir spielen, wie NOFX, Rancid, Bouncing Souls, Dropkick Murphys und so weiter. Von den neueren Bands mag ich Off With Their Heads und Nothington. Oder die Band von den Jungs die im Moment mit uns spielen, Johnny and Joey - die haben eine Bluegrass Punkrock Kapelle am Start mit Namen Old Man Markely - die sind großartig. Wie gesagt, ich höre einfach verdammt viel.
Noch was zum Schluss, das Euch wichtig ist?
Ich will nur danke sagen für das Interview - und hoffe dass möglichst viele zu de Shows ud der Filmvorführug kommen. Ich denke, alle werden eine gute Zeit haben - bringt alle eure Freunde mit, wir sehen uns im Pit.
Tito Wiesner