Nach sieben Jahren Bandgeschichte haben Three Chords Society den großen Wurf hingelegt – ihr neues Album „Sangunity“ strotzt vor Euphorie, kalifornisch angehauchten Hymnen und zahlreichen Hits. Anlass genug für uns, die Band aus Bad Segeberg im Vorfeld der ausverkauften Record Release Show endlich mal zum Interview zu bitten.
Hi Jungs! Neue Platte ist raus, die Kritiken sind super, die Release Show ausverkauft - besser kann es im Moment doch kaum laufen, oder?

Also wir können uns gerade wirklich nicht beschweren! Wollen wir auch gar nicht. Dass die Platte nun endlich raus ist, der ganze Weg doch mitunter sehr mühsam war... das wird alles mehr als belohnt, durch die guten Dinge, nette Menschen, die sich vor die Kamera stellen und tatsächlich freiwillig sagen, wie sehr sie die Platte mögen, die positiven Rückmeldungen, die Rezensionen, E-Mails etc. Aber ausruhen darf man jetzt natürlich erst recht nicht.
Wir freuen uns sehr, dass es nun endlich soweit ist und es den Leuten anscheinend gut gefällt, was wir so treiben. Doch besser kann es dennoch immer laufen. Und wird es auch! Es ist noch viel Luft nach oben. Wir sind ja Optimisten.
Für mich ist Euer neues Album ja wirklich ein gewaltiger Sprung - von einer vielversprechenden Nachwuchsband zu einer verdammt guten Truppe. Seht Ihr den Sprung genauso gewaltig oder ist die Entwicklung für Euch eher kontinuierlich?
Ein bisschen von beidem, denk ich mal. Der Weg bis zum Release der Platte war ja, wie gesagt, lang und doch recht steinig. Was auch nichts außergewöhnliches ist, da haben viele Bands mit zu kämpfen. Aber das Positive daran ist, dass man sich auch als Band weiterentwickelt. Für uns ist das natürlich ein andauernder, stetiger Prozess, wir sind ja schließlich die ganze Zeit dabei gewesen. Man wächst tatsächlich an so einer Aufgabe, als Band. Und für uns ist es dadurch vielleicht auch leichter zu sehen, woher diese Entwicklung kam bzw. wie sie zustande kam. Wenn man jetzt nur die letzten beiden Veröffentlichungen, also “Sanguinity“ und “Issue #1“ vergleicht, dann wirkt das auch für uns wie ein großer Sprung. Der aber viel Arbeit, Vorbereitung und Organisation forderte.
Aber wenn wir nun nach Außen den Eindruck dieses Fortschritts erscheinen lassen, sind wir anscheinend auf nem guten Weg. Es gibt natürlich Dinge, die für uns jetzt recht neu sind, mehr eingebunden zu sein in viele Abläufe, die uns vorher gar nicht so bewusst waren z.B., oder dass einfach mehr Termine anstehen als “nur“ Shows und Proben. Aber das ist eher positiv und angenehm, gehört dazu und ausgesucht haben wir uns das ja auch.
Toll finde ich persönlich auch die Aufbruchsstimmung, die die Platte verströmt. Entspricht diese Stimmung Eurem aktuellem Empfinden?
In der Tat trifft es das sogar recht gut. Die Songs sind für die Leute neu, für uns ist das natürlich etwas anders. Wir kennen die ja alle schon so lang. Aber dennoch haben auch wir noch ein unverbrauchtes Gefühl, wenn wir die Songs hören oder spielen. Was, glaube ich, ein Zeichen für eine gute Platte ist. Und Aufbruch ist ja auch ein Thema, dass die Songs der Platte verbindet. Uns ist das “aber“ immer sehr wichtig. Sich nur zu beklagen oder zu beschweren greift zu kurz. Alles abwiegeln und sich selbst nicht hinterfragen auch. Somit ist es ein Mix aus beidem. Nur weil die Welt, meine Beziehung, mein Job schlecht ist, bedeutet das nicht, dass man nicht trotzdem was machen kann. Sei es nun dagegen oder dafür.
Es herrscht bei vielen Menschen ein geistiger Stillstand, oder vielleicht eher eine Trägheit, wenn es darum geht, Dinge und sei es “nur“ sich selbst, zu verändern. Da muss man sich bewegen, raus aus dem Morast aus Bequemlichkeit, Alltag und der Unsicherheit, ob das dann auch funktioniert. Viele Leute sind geistig einfach total unbeweglich und träge geworden. Also trifft es die Aufbruchstimmung ganz gut. Wenn wir das schaffen, dass manche Leute dieses Gefühl bekommen, haben wir schon mal ein Ziel erreicht. Dass Leute wieder nachdenken. Veränderung fängt ja bei jedem im Kopf an.
Was hat es denn mit dem frisch gegründeten Label 141Records auf sich, bei dem die neue Platte rauskommt? Und warum habt Ihr da veröffentlicht und nicht irgendwo anders - angesichts der Qualität der neuen Songs wären ja bestimmt auch größere Labels interessiert gewesen....
Es gab durchaus andere Interessenten, so ist das ja nicht. Viele von denen man dachte, für die wäre es ein Thema, waren dennoch eher sparsam in ihren Antworten. Uns ist klar, dass Punkrock, in welcher Form auch immer, eben Spartenmusik ist. Was ja auch gut so ist. Aber auch dazu führt, dass viele sich da nicht trauen, zuzugreifen. Gerade in Deutschland hat das Genre des Skate- oder Melodic Punk ein wenig Staub angesetzt und viele haben den Eindruck, es wäre nicht mehr relevant, aus Sicht des Marktes. Oder sie sind von vorn herein so festgefahren, dass sie auf Grund der momentanen Marktsituation einfach gucken müssen, womit sie ihre Miete bezahlen können.
Für ein Label ist so eine Platte ja auch ein Risiko, ebenso wie für uns. Wir haben sehr viel Mühe in die ganze Produktion bis hin zum Artwork gesteckt, da war es uns sehr wichtig, dass wir die Platte gut aufgehoben wissen. Wir wollten das ganze Netzwerk der Band professionalisieren und erweitern, aber nicht völlig den DIY Gedanken aufgeben. Und mit 141Records haben wir da sehr gute Partner gefunden. Die beiden Jungs wollten ein Label gründen, wir haben eines gesucht, bei dem wir uns wohl fühlen und uns einbringen können. Mit Tim war ich ja schon zuvor befreundet und kenn ihn schon ein paar Jahre. Und im Rahmen unserer Suche kam ich mit ihm öfter auf das Thema zu sprechen, da konnten wir uns gegenseitig unser Leid klagen, wie schwer es ist, ein Label, oder eben eine Band, zu finden, das passt.
Und so war es recht schnell klar, dass wir vielleicht gemeinsame Sache machen sollten. Und mit denen können wir uns wirklich hinsetzen und direkt zusammen arbeiten, statt nebenher. Da gibt es noch “Meetings“, in denen man sich gemeinsam den Kopf zerbricht, was man alles machen kann um die Sache anzutreiben und nach vorne zu bringen. Oder wo ich auch mal eben hinfahren kann um Ideen zu besprechen und was weiß ich. Und alle haben Bock drauf und stehen dahinter. Hinter der ganzen Sache aus Platte, Label und Band. Die beiden Jungs sind schon mehr Freunde von uns geworden als Band und nicht nur die Chefs. Beide sind auch mitunter nicht ganz dicht in der Birne, hängen sich unheimlich rein und machen nen super Job! Und das ist uns tausendmal lieber als nen dicken Labelnamen oder einen mit “Fame“ auf die Platte zu drucken.
Guido Knollmann von den Donots hat ja bei den Aufnahmen geholfen - wie groß war denn sein Einfluss, und wie kam es überhaupt dazu, dass ihr mit ihm zusammen gearbeitet habt?
Die ganze Sache mit Guido war schon ein Riesenglück für uns, so viel vorne weg. Das ging ja damit los, dass er uns sein Equipment zur Verfügung gestellt hat. Ohne den ganzen Kram wäre der Gitarrensound nicht so, wie er ist. Es kam tatsächlich dadurch so dazu, dass unser Gitarrist Mülla ihn mit einem geliehenen Backstage-Ausweis aufm dem ZSK-Abschlusskonzert angequatscht und ne CD in die Hand gedrückt hat. Vorher hatte ich ihm mal ne Mail geschickt, da er auch bei ner befreundeten Band mitproduziert hat, um ihm zu sagen, wie gut mir die “Tiny Y Son“ Platte gefällt. Da hat er dann zum ersten angeboten, mit uns was zu machen.

Im Vorfeld und im Studio hat er dann auch bei den Arrangements teilweise mitgearbeitet, was eine große Hilfe war, wenn wir nicht wussten, ob der Song so “gut genug“ ist, oder man den noch besser, kompakter hinkriegt. Und Guido ist so ein super Typ, dass muss hier einfach mal gesagt werden. Der lebt definitiv auf seinem eigenen Planeten und genau das macht ihn so sympathisch! Es war ein unheimlicher Spaß im Studio. Durch ihn und auch durch Olman, der die Platte produziert hat. Als wir mit Guido gearbeitet haben, merkte man regelrecht, dass er Bock auf die ganze Sache, auf unsere Songs und auf die ganze Geschichte hat. Und er hat nie vergessen ganz bescheiden zu erwähnen, dass es ja “nur“ Anregungen wären, er wollte uns zu keiner Zeit seinen Stempel aufdrücken. Seine Ideen durften wir auch jederzeit scheiße finden. Was mitunter auch so war, zugegeben. Er ruft immer noch an und erzählt uns, wie super die Platte ist... ohne Scheiß. Also arbeiten wir vielleicht wieder zusammen. Angeboten hat er es schon.
Ihr habt in der Vergangenheit ja diverse tolle Bands supportet - von Boysetsfire bis Alkaline Trio. Was ist Euch da besonders positiv, was vielleicht besonders negativ in Erinnerung geblieben?
Die Alkaline Trio Tour war schon etwas besonderes. Sind ja zumindest für mich eine meiner Herzensbands. Da ist man dann schon mal angefixt und merkt, was für ne spitzen Geschichte es sein kann, in einer Band zu sein. Sonst hat man solche Gelegenheiten ja weniger, die Leute mal etwas näher kennen zu lernen, die die Songs geschrieben haben, die einen so lange begleiten und einem viel bedeuten. Und sie sind zum Glück supernett. Da hatte ich durchaus etwas Sorge, aber es war ne schöne Tour, die natürlich zu schnell vorbei war. Auch wenn es Steven von euch nicht so gefallen hat, haha. War ne spitzen Zeit, an die ich mich noch lange erinnern werde.
Generell sind Supportshows ja immer so eine Sache. Wenn das Publikum dich da nicht oder kaum kennt, sind sie nochmal extra kritisch. Und irgendwem mißfällt es immer, was du da machst. Wir machen das dennoch gern, gerade bei Bands die wir selbst abfeiern. Aber auch das sind alles nur Menschen, stellt man dann immer wieder fest. Was ja auch gut so ist. “There‘s no such thing as Rockstars. There‘s just people who play music. And some of them are just like us and some of them are dicks.“ Da hat Frank Turner absolut recht, wie so oft. Aber die meisten Bands waren immer super nett und coole Typen. Wie die Frontier(s) zuletzt auch. Das is schon schick, wenn Chris Higdon einem erzählt, dass er froh ist, mal mit ner Punkband zu spielen und man sich den Abend über dann gemeinsam über die Engstirnigkeit von diesem ganzen Szeneding ärgern kann...
Mit der neuen Platte im Rücken wird es in Zukunft wahrscheinlich deutlich mehr Headlining Shows und weniger Supports geben, oder?
Hoffentlich. Auf jeden sind wir heiß, die Songs endlich live zocken zu können und zwar so viel es geht. Und natürlich wünschen wir uns auch, dass man aus der Supporterrolle ein wenig herauswächst. Aber wir arbeiten ja dran. Es geht voran, dat wird schon. Der Bus is heil, die Platte ist super und es gibt Leute, die Bock auf uns haben. Das Glas ist also halbvoll, mindestens.
Was habt Ihr denn für Erwartungen für die nächste Zeit, und was steht generell als nächstes an?
Wir erwarten, dass es ordentlich weitergeht, dass wir die Band weiter bewegen und entwickeln können. Nicht Millionen auf dem Konto. Wir machen das ja aus Leidenschaft, auch wenn das natürlich keiner glaubt. Aber viele Shows, viele Städte und auch ein bisschen Kohle um die nächste Platte schick aufnehmen zu können und die ganze Maschinerie three chord society mit genügend Futter zu versorgen, dass sie weiter wächst und gedeiht. Sanguinity hat ja lange gebraucht, bis sie das Licht der Welt erblickte. Bei der nächsten Scheibe soll das anders sein. 2012 kommt was, versprochen. Aber auch für die aktuelle kommt noch einiges, wir planen die Shows, die Festivalsaison kommt, ein zweites Video wird folgen und wir werden versuchen ordentlich was los zu machen. Ein Fest wird es uns sowieso.
Noch etwas, das Ihr loswerden wollt?
Ja, danke dass wir in diesem Interview nicht über Punkrock diskutieren mussten. Sehr löblich! Die Scene-Police is ja bekanntlich überall.
Zum Schluss: Was sind Eure aktuellen Lieblingsplatten?
Oha. Ich empfehle da dann mal generell den oben erwähnten “Frank Turner“, der so viel Wahrheit in seinen Texten hat und live unheimlich gut ist. Mamel hört die ganze Zeit die “Beggars“ von Thrice und Felix wartet auf die neue “The Streets“...
Tito Wiesner