Der Frühling kann kommen: Das vierte Studioalbum von Itchy Poopzkid, diesmal auf dem bandeigenen Label Findaway Records erschienen, bietet jedenfalls 12 Songs lang sympathische und immens abwechslungsreiche Ohrwürmer. Zeit also, mit dem Trio mal ausführlicher zu reden.
Neues Album, neues Label, neuer Drummer - fühlt sich das Jahr 2011 wie ein Neustart für Euch an?
Panzer: Das kann man schon so sagen, wobei unser neuer Drummer jetzt nicht wirklich ein neues Gesicht ist bei uns. Max ist schon seit Jahren Teil unserer Crew und nachdem Saikov uns verkündet hat, dass er sich beruflich anders orientieren möchte, war uns nach der ersten Trauer auch gleich klar, das für den freien Posten nur Max in Frage kommt. Es bleibt also alles in der Familie und trotzdem weht grade irgendwie ein total frischer Wind und die Aufbruchstimmung könnte nicht größer sein.
Wie kam es denn zu der Entscheidung, die Platte diesmal in Eigenregie auf eigenem Label zu veröffentlichen?

Panzer: Nachdem wir zwei Alben über ein kleines Label aus Berlin veröffentlich hatten, wurde unsere letzte Platte über Universal released, weil die aus Langeweile unsere alte Plattenfirma aufgekauft hatten. Auf einmal waren wir dann also bei dieser Riesenfirma und haben relativ schnell gemerkt, dass uns das nicht so gefällt und auch nicht zu uns passt. Da waren wir dann eine von 1000 Bands und generell ging es eben sehr unpersönlich und lieblos zu. Als wir dann im Studio an dem Album rumgeschraubt haben, wurde uns immer mehr klar, dass wir dieses mal lieber alles selbst machen wollen. Wir stecken so viel Zeit, Kraft, Aufwand und Herz in alles was wir machen, deshalb wollen wir uns auch sicher sein, dass alle die mit uns zusammenarbeiten unser Zeug lieben und die Dinge mit der Wertschätzung behandeln, die sie verdienen. Wir haben jetzt durch die Gründung von "FINDAWAY RECORDS" zwar unglaublich viel zu tun, aber es fühlt sich so super an 100%ig alles selbst zu lenken und ein bißchen Stolz macht es uns natürlich auch, dass wir nebenbei jetzt noch fette Plattenbosse sind. Vielleicht tragen wir tagsüber auch nur noch Anzug ab jetzt. Wir überlegen da aber noch.
Inwiefern hat der neue Drummer Max sich beim Songwriting eingebracht?
Sibbi: Für das aktuelle Album noch gar nicht, da die Aufnahmen dazu schon letztes Jahr gemacht wurden und Max erst seit Anfang 2011 im Boot sitzt.
Panzer: Jaja, ins gemachte Nest hat er sich gesetzt. Der Assi.
Die neue Platte ist wohl Eure vielseitigste Scheibe geworden - beabsichtigt oder einfach Folge der immer weiter verbesserten musikalischen Fähigkeiten?
Sibbi: Dankesehr. Das nehm ich mal als Kompliment. Ich finde Vielseitigkeit auf Alben immer sehr gut. Das passiert bei uns, nicht weil wir uns hinsetzen und sagen „So, jetzt lasst uns mal ein vielseitiges Album schreiben“, sondern weil jeder von uns selbst privat total unterschiedliche und eben auch total vielfältige Musik hört, sowas fliest da schon immer mit ins Songwriting ein. Und natürlich unsere verbesserten musikalischen Fähigkeiten (lacht)
Eigentlich ist die Platte ja auch mehr Rock- als Punkalbum, zumindest musikalisch. Fühlt Ihr Euch mit der Kategorisierung als Punk trotzdem wohl? Oder sind das Fragen, über die Ihr Euch sowieso keinen Kopf macht?
Panzer: Das ist echt so ne Sache, die uns schon länger nicht mehr beschäftig. Es ist doch scheissegal wie das heißt, weil es im Endefekt das ist was es ist und das verändert auch eine von irgendjemandem bestimmte Kategorisierung nicht. Wir kommen aus dem Punkrock und das wird immer ein Teil von uns bleiben. Ich finde auch, dass man dem neuen Album unsere Wurzeln total anhört. Trotzdem haben wir keine Lust auf jedem Album dasselbe zu machen und deshalb experimentieren wir gerne rum und setzen uns da wenig Grenzen. Wenn ich von all den Punkfloskeln die es so gibt eine raussuchen müsste, die am besten auf uns zutrifft wäre "do anything you wanna do" auf jeden falle die passenste.
Sibbi: Ich könnte auch mit der Punkfloskel „hip hip hooray“ super leben.
Panzer: Ja gut...dann kriegste halt die.
Ihr seid ja jetzt schon über zehn Jahre dabei, trotzdem werden Sprüche und Kommentare üner Euren Bandnamen wohl nie aufhören. Ignoriert man das mittlerweile einfach weg?
Panzer: Um ehrlich zu sein, denk ich mir jeden Morgen wenn ich vor dem Spiegel stehe immernoch "Wir Vollidioten, warum haben wir uns damals nur so genannt", aber jeder macht ja mal Fehler und dann muss man damit eben klarkommen. Eigentlich haben wir uns schon ewig damit abgefunden. Sich jetzt umzubennen wäre ja auch nichts. Wir freuen uns eher drüber, dass viele Leute, die uns vor ein paar Jahren noch kritisch gegenüber standen, mittlerweile hinter die Namensfassade schauen und erkennen, dass wir ne ernstzunehmende und gute Band sind.
Sibbi: Noch viel peinlicher als unseren Bandnamen finde ich, wenn Leute in Plattenkritiken zum mittlerweile vierten (!) Album noch immer die Hälfte des Textes dazu verwenden um über unseren Bandnamen zu schreiben. Das verleiht der Kreativität des Schreiber echt enormen Ausdruck.
Mit dem Song "Why Still Bother" unterstützt Ihr ja die Wal- & Delfinschutzorganisation WDCS. Wie kamt Ihr auf die? Und ist die politische Motivation auch der Grund, warum der Song wohl der aggressivste auf dem Album ist?

Sibbi: Kann gut sein, dass das der Grund für die Aggressivität im Song war. Die Leute von der WDCS haben wir auf der Premiere des Filmes „The Cove“ kennengelernt. Das ist ein Dokumentarfilm über Massendelfinschlachtungen in der Bucht Taiji, in Japan. Ein sehr sehenswerter, erschreckender & aufwühlender Film übrigens. Wir fanden die Arbeit, die die WDCS leistet sehr beeindruckend und wollten sie unterstützen. Gemeinsam haben wir die „Sonar Sucks“-Kampagne ins Leben gerufen, die sich gegen der immer stärker zunehmenden Unterwasserlärm & ihre Hauptverursacher die Militär- und Ölindustrie, einsetzt. Unterwasserlärm ist vermeid- und verminderbar! Es lohnt, sich dafür stark zu machen und wir sind ziemlich glücklich wie gut die Kampagne aufgenommen wird! Wer sich informieren will, kann dies unter www.SonarSucks.com tun.
Gebt Ihr mir allgemein in meinem Gefühl recht, dass sich heutzutage immer wneiger Punkbands auch politisch engagieren? Und wenn ja - habt Ihr eine Ahnung, woran das liegen könnte?
Panzer: Ich hab in den 90ern angefangen mich mit Punkrock zu beschäftigen und ich habe schon auch das Gefühl, dass es den meisten Bands von damals stärker darum ging etwas zu verändern, sich zu engagieren oder etwas auszusagen. Irgendwie gehört das für mich da auch dazu. Ich kennen schon auch Typen, die nur in einer Band spielen, weil sie es cool finden in einer Band zu spielen und das werd ich halt nie verstehen. Es gibt aber auch heute noch Bands, die ne Message haben, die sich für verschiedene Dinge einsetzen, aber die sind gefühlsmäßig schon sehr in der Minderheit. Ich bin der letzte der den Zeigefinger hochhält und jemanden vollabern will, sich für irgendwas zu engagieren. Aber wenn man in einer Band spielt und dadurch die Möglichkeit hat einem Thema, das einem am Herzen liegt, Gehört zu verschaffen ist, dann ist das eine gute Sache. So werden die Leute zumindest damit konfrontiert und können dann selbst entscheiden, ob sie sich ebenfalls engagieren wollen oder nicht. Jemanden zu belehren ist echt nicht unsere Absicht, aber Leute zum hinschauen zu zwingen finde ich immer ne gute Sache. Man kann doch nicht immer bei jeder Sache einfach wegsehen, nur weil es unangenehm ist oder einen nicht selbst betrifft. Genau darum geht’s auch in unserem Song.
Ihr habt schon unzählige Shows gespielt, die meisten natürlich in Deutschland. Aber wie liefen denn eigentlich so die Ausflüge nach England, Irland und Skandinavien? Und wird es demnächst mehr Konzerte im Ausland geben?
Sibbi: England, Irland und Skandinavien waren ne wunderbare Erfahrung. Es ist immer total spannend in Gegenden zu spielen, die nicht nur geografisch sondern auch ein Stück weit kulturell einfach anders sind, als zuhause. Man weiß nicht, wie man ankommen wird auf den Shows. In Deutschland kommen die Leute auf unsere Tour weil sie unsere Musik super finden. Im Ausland muss man die Leute erstmal von seiner Band überzeugen, was aber bislang echt gut geklappt hat. Die neue Platte „Lights Out London“ werden wir vorraussichtlich im Laufe des Jahres in einigen nicht-deutschsprachigen Ländern veröffentlichen.
Was glaubt Ihr, wie die neue Platte aufgenommen wird?
Sibbi: Ganz klar „The Kids gonna LOVE it!“ (lacht). Wir sind echt sehr gespannt. Man kann es ja im Vorfeld nie genau sagen. Die Reaktionen auf die erste Single und auf die Songausschnitte aus dem neuen Album sind so gut wie nie, was uns riesig freut. Auch viele Menschen, die uns bisher belächelt oder kaum wahrgenommen haben finden die neue Platte plötzlich sehr gut, was uns echt sehr viel bedeutet.
Was steht in nächster Zeit so an?
Sibbi: Album, Promotion, Tour, alkoholische Getränke, Festivals, Tour und alkoholische Getränke.
Panzer: Na toll, die einzige ständig wiederkehrende Konstante bei uns ist „alkoholische Getränke“.
Verratet uns doch noch Eure aktuellen Lieblingsplatten!
Panzer: Ich hör immer noch das neue Pascow-Album rauf und runter. Das ist die beste deutschsprachige Punkplatte seit Jahren. Außerdem bin ich immernoch dabei mich ins Beatsteaks-Album reinzuhören und die Menzingers finde ich grade super.
Sibbi: Ich hör grade Foxy Shazam die Neon Trees und vor allem The Avett Brothers. Ein Traum.
Sonst noch etwas?
Panzer: Jep! wir sind ab Ende März auf Tour und freuen uns über jeden der vorbeikommt! Als Support haben wir "Attack! Attack!" aus Wales dabei und wir könnens nach der langen Livepause kaum abwarten wieder Gas zu geben. Lasst euch blicken und tanzt!
Tito Wiesner