Gelungene Rückkehr: 5 Jahre nach dem letzten Album haben Fahnenflucht ein neues Werk herausgebracht - und klingen so, als wären sie nie weggewesen. Wir sprachen mit Thomas über seine Band, Punkrock im allgemeinen und die hörenswerten Texte im speziellen....
Fünf Jahre sind seit Eurem letzten Album vergangen - was ist in der Zwischenzeit denn so alles passiert und warum hat es so lange gedauert bis zur neuen Scheibe?

Hallo erstmal und vielen Dank für das Interview. Ja, es ist viel Zeit vergangen seit unserer letzten Veröffentlichung. Diverse Besetzungswechsel an Gitarre und Schlagzeug ließen uns seit 2007 irgendwie nicht zur Ruhe kommen. Es ergab sich einfach keine Konstellation die es uns ermöglicht hätte, ein neues Album einzuspielen und wieder etwas langfristiger zu planen. Das ist jetzt glückerweise anders!
Für mich ist Eure neue Scheibe definitiv Euer vielseitigstes, aber wohl auch bestes Album - lag das auch daran, dass Ihr viel Zeit fürs Songwriting hattet? Oder spielt der neue zweite Gitarrist vielleicht eine größere Rolle?
Vielen Dank für diese Bewertung. Das entspricht wohl grundsätzlich auch unserer eigenen Einschätzung. Ob das Album unbedingt vielseitig ist, weiss ich nicht, aber es ist defninitiv unser bislang bestes Album. Druckvolle Aufnahme, passende Arrangements, wütende Texte. Im Pogoradio sagte vor kurzem jemand, nachdem er das Stück "Schwarzmaler" gehört hatte, das er Bands nicht so mag, die so mit einem schimpfen tun....., hahaha, den erhobenen Zeigefinger zur Faust geballt.
Nee im Ernst, einige Stücke, die nun auf dem Album veröffentlicht wurden, waberten schon länger als Idee oder Ansatz im Hinterkopf. Letzten Endes brauchten wir vielleicht auch ein wenig den Druck einer bevorstehenden Veröffentlichung um aus den Ansätzen ganze Stücke zu machen. Einiges ist erst während der Aufnahme im Docmaklang Studio von Mathias Lohmöller entstanden. Natürlich bringt sich "Mole" als "Neuer" an der Gitarre auch mit neuen Ideen und mit seinem ganz persönlichem Soundbackground in Fahnenflucht ein. Eine herausragende Rolle spielt innerhalb der Band aber Niemand.
Wie seht Ihr denn die Entwicklung der deutschprachigen Punkrock-Szene in den letzten Jahren? Mein persönlicher Eindruck ist ja, dass deutlich weniger passiert als früher....
Hmm, gut formuliert. Deutschsprachige Punkrockszene finde ich persönlich viel besser als Deutschpunk. Der Begriff Deutschpunk wird mittlerweile deutlich negativ assoziiert. Das liegt meines Erachtens eher an der Masse an Veröffentlichungen und der immer kürzer werdenden Halbwertzeit von Musikalben. Darüber hinaus hat sich die "Deutschpunkszene" in ach so viele Unterkategorien aufgeteilt, bzw. die gesamte Musikbranche produziert immer neue Szenen. In beliebigen Zeiten ist das Bedürfnis nach Abgrenzung und Eigenständigkeit sehr groß und wird dann gelegentlich auch überbewertet. Das Rad dreht sich immer schneller aber lässt sich im Endeffekt nicht neu erfinden. Von daher habe ich eher den Eindruck, das immer mehr passiert, vieles davon lässt sicher aber nicht mehr unter "Deutschpunk" zusammenfassen, bzw. würde als Beleidgung aufgefasst werden. Wie gesagt, das Bedürfnis etwas "Neues" zu erschaffen ist sehr, sehr groß geworden. Heute neu, morgen schon vergessen!
Nervt es Euch eigentlich nicht mittlerweile, dass in fast jedem Review Eurer Scheiben darauf hingewiesen wird, dass Ihr NICHT plumpe und parolen-hafte Texte habt? Oder ist der Ruf von Deutschpunk immer noch so schlecht, dass es diesen Vergleich einfach immer noch geben muss?
Also nervig finde ich das jetzt nicht, es wiederholt sich vielleicht ein bisschen. Andererseits ist es mittlerweile zu einem Markenzeichen von Fahnenflucht geworden. Ich möchte aber betonen, dass unsere Texte meines Erachtens keine Referenz darstellen. Auch wir befinden uns in einem ständigen Annäherungsprozess an eine gute Aussage. Gleichzeitig darf es sich aber nicht in eine dogmatische Richting entwickeln. Musikalisch untermauerte Aussagen bleiben vielleicht eher hängen oder sind emotional einfach besser unterstützt und bekommen somit mehr Aufmerksamkeit. Letztlich aber alles eine Frage des persönlichen Geschmacks. Andere Bands machen auch gute Texte. Nach unserem letzten Konzert in der T-Stube in Rendsburg lief zum Beispiel ein Lied von Karl Dall. Das Lied heisst "Heute schütte ich mich zu!" und manchmal ist dem nichts hinzuzufügen.
Und wie sehr nerven die ständigen Dritte-Wahl-Vergleiche?
Also mich persönlich gar nicht, aber der Vergleich hinkt ein wenig. Bei genauerem Hinsehen-/hören, fallen doch gewichtige Unterschiede auf. Aber Dritte Wahl zählen sicherlich zu den Bands mit denen man gerne in einem Atemzug genannt wird.
Ist Eure aktuelle Grundstimmung eigentlich eher positiv oder negativ? Der Opener "Augen Auf" klingt ja sehr nach "Kopf hoch, tu was", bei "Insel Freiheit" hingegen hat man eher das Gefühl, dass Ihr den Glauben an die Gesellschaft schon verloren habt - weil eben zum Beispiel das Thema Innere Sicherheit als so wichtig angesehen wird, dass man die Einschränkung persönlicher Freiheit problemlos hinnimmt...

"Unsere" aktuelle Grundstimmung kann ich nicht definieren. Wir sind immer noch fünf Personen und somit auch fünf Persönlichkeiten. Natürlich ist das Glas eher halb leer als halb voll. Fahnenflucht verkörpert bestimmt keine rosigen Zukunftsaussichten und auch die privaten Verhältnisse eines Jeden von uns können die gesellschaftlichen Tendenzen nicht vergessen machen. "Augen auf" möchte sicherlich einerseits Mut machen und der kleinen Flamme zu mehr Feuerkraft verhelfen, andererseits deutet die dritte Strophe des Stückes den Zwiespalt zwischen privatem Glück und gesellschaftlichem Anspruch an. Der eigene Tellerrand ist dann doch kein Sprungbrett und keiner von uns will zum Märtyrer werden. Und das ist auch gut so. Das Thema innere Sicherheit erzeugt bei näherem Hinsehen tatsächlich einen großen Schauder. Die technische Aufrüstung nach Außen und Innen wird enorm schnell vorangetrieben und gleichzeitig sorgt jedes Inidividuum schon selbst dafür, ein umfangreiches Profil von sich und seiner Umgebung offenzulegen (Social networking). Beängstigende Tendenzen, wenn die Recherche überflüssig wird, weil alles öffentlich nachvollziehbar geworden ist.
"Was tun wenns brennt" hätte ja auch "Thilo" heißen können. Was war für Euch eigentlich erschreckender: Sarazzins Thesen oder die breite Zustimmung, die er erfahren hat?
Letzteres. Das so ein "gebildeter" Mensch mit dieser ekelerregenden Pseudowissenschaft auf solch fruchtbaren Boden stösst ist bei genauerem Hinsehen vielleicht nicht überraschend. Besonders verwerflich finde ich allerdings die Akzeptanz seiner Thesen im so genannten Bildungsbürgertum. Gut situierte Arschlochbürger denen endlich mal jemand eine Stimme gibt. Mit so einem Buch wird der Nährboden für Fremdenfeindlichkeit perfekt bereitet. Erzeuge Angst und Ablehnung und schließe die Reihen. Ich merke gerade, wie sehr mich dieser Sachverhalt aufregt und das ist nicht gut, mein Herz, mein Herz. Deutschland schafft sich ab, fangen wir doch am besten mit dieser debilen selbstgefälligen Arschlochdumpfbacke Thilo Sarrazin an.
Geht es in "Leben Ist Tödlich" eigentlich generell um Banken und große Konzerne, oder habt Ihr da bestimmte Personen im Kopf? Wenn Ihr singt "dieser Tag, an dem wir doch gemeinsam an der Tafel stehen" vermittelt mir zumindest den Eindruck, dass Ihr da jemaden ganz bestimmten vor Augen habt....
Nein, jemand ganz Bestimmtes ist damit nicht gemeint. Banken und Konzerne werden jedoch durch Persönlichkeiten repräsentiert. Und all diese "notleidenden" Peanutsbanker versuchen gerade die öffentliche Meinung in empörender Art und Weise zu verdrehen. Die Vergesellschaftung der Verluste und die Privatisierung der Gewinne. Unglaublich! Mein Herz, Mein Herz....
Gibt es eigentlich Städte, in denen Ihr deutlich lieber auftretet als in anderen? ich hab zum Beispiel den Eindruck, dass Euch Berlin deutlich lieber ist als Eure Heimat Duisburg....
Nein, es gibt viele nette Locations mit engagierten Menschen im Hintergrund. Berlin ist immer eine Reise wert und das Publikum findet sich eher als in Duisburg. In Duisburg stirbt sogar die Love-Parade!
Was steht als nächstes bei Euch an?
Livepräsenz, Proberaum fertig stellen und dann so langsam mal Richtung neue Stücke schauen. Gleichzeitig aber auch erstmal die Reaktionen auf unser Album "Schwarzmaler" abwarten.
Noch etwas, das Ihr loswerden wollt?
Wer nichts weiss, muss alles glauben! In diesem Sinne vielen Dank für die Aufmerksamkeit!
Tito Wiesner